Neuanfang und Ende

Was passiert, wenn zwei Menschen sich begegnen? Es entstehen Reaktionen, Hoffnungen und Erwartungen. Das ausgelöste Gefühlswirrwarr und die Konsequenzen beschreibt Semipermeabel in dem ersten Kolumnenbeitrag.

Neuanfang und Ende

Es geht wieder los, das erste Treffen, das zweite Treffen, Telefonate, Skype-Calls. Zig Nachrichten zu unchristlichen Zeiten, kleine Hinweise, Andeutungen, erste Schritte. Ein bisschen Aufregung, ein bisschen verknallt.

Und doch nicht richtig.

Kennenlernen läuft bei mir oft nach demselben Schema ab. Diesmal ist es ein wenig anders.

Ich habe nicht damit gerechnet, dass du mich kennenlernen willst, von oben bis unten und von innen nach außen. Mein gesamtes System war auf funktionale Beziehung gepolt, auf Netzwerkzwecke, und philosophische Diskussionen. Und damit bin ich klargekommen.

Ein kleiner Funke war da, nur sehen wollte ich ihn nicht. Dass wir uns nur alle paar Wochen trafen und der Kontakt zu Anfang unregelmäßig war: für mich ein Zeichen, dass unsere Beziehung unemotional war.

Doch plötzlich hast du davon gesprochen dich alleine zu fühlen, dich zu fragen, was das zwischen uns ist und ob das klappen könnte.

Und du weißt nicht, was du damit angerichtet hast. Du hast meine Blackbox geöffnet, meine Büchse der Pandora. Mein Innerstes steht Kopf und lässt sich nicht mehr einordnen. An diesem Ort, versteckt zwischen Herz und Bauch, bewahre ich all meine wohlgehüteten Geheimnisse auf. Die, auf die mensch nicht stolz ist, die Zweifel und unbeantworteten Fragen – die Angst. Ganz viel Angst. So viel Angst, dass ich Stück für Stück gelähmt werde. Sie zieht sich wie Tinte durch Löschpapier durch meinen gesamten Körper.

Ich will nicht mehr arbeiten, nicht mehr reden und schon gar nicht rosarot sein. Alles um mich herum ist grau, nichts scheint mehr erstrebenswert.

Ich werde wütend auf dich. Ich weiß, warum ich all die Gefühle dort unten vergraben halte: Weil ich mit ihnen nicht umgehen kann und nicht will. Weil ich ohne sie besser dran bin. Manche sagen, ich muss mich ihnen stellen. Aber wofür? Zu welchem Preis? Dafür, dass ich am Ende ohnehin enttäuscht werde? Dafür, dass es in mir drin noch grauer, schwärzer, tintenschwarz wird?

Ein paar Tage gebe ich mich meinem Gefühlschaos hin, versuche den Schleier ein wenig zu lüften und eine Struktur zu erkennen. Die Tinte zieht Energie ohne sich löschen zu lassen.

Nach einer Woche fühle ich mich verkatert und gehe tanzen. Tanze mich frei, tanze mich aus, nehme mir Platz von dem eh wenig Vorhandenen. Endlich wieder Oberhand über mein Selbst. Das  wiederkehrende Gefühl der Selbstbestimmung.

Ich schiebe dich von mir weg, setze dich gedanklich auf ein Boot und lasse dich bis nach Island segeln. Die Wolken verziehen sich und ich kann ein wenig Sonne erkennen. Ganz langsam verschließe ich die Box, die Büchse. Das letzte Stück will nicht, eine Ecke löst sich immer wieder.

Deine Reise ist vorbei, du bist plötzlich da und lässt sie mich nicht schließen. Halb nackt stehe ich vor dir und versuche mich selbst davon zu überzeugen, dass schon alles gut wird. Aber du? Du hast nicht mal selbst die Hoffnung, dass alles gut wird.

Wie auch.

Geteiltes Leid ist eben manchmal doppeltes Leid.

Titelbild: © Filiz

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Semipermeabel
Semipermeabel lässt das gesamte emotionale Spektrum durch, das sonst im Inneren verweilt. Was außen vor bleibt, sind vornehme Zurückhaltung, gesellschaftliche Erwartungen und Harmonie.

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