Vom Berufsleben ins Studentenleben

Es ist doch so: Wir gehen sieben bis vierzehn Jahre zur Schule, beginnen danach eine Ausbildung, vielleicht auch ein Studium (von dem wir mehr oder weniger überzeugt sind), vielleicht machen wir auch eine Zeit lang gar nichts. Wir entscheiden uns für ein freiwilliges soziales Jahr oder begeben uns ins Ausland. Auf der Suche nach uns selbst gehen wir eine Weile auf Reisen, manche sogar über Jahre. Viele kehren zurück, mindestens so bereichert und aufgeregt wie besorgt – verunsichert und schutzlos stehen sie vor den sich auftürmenden Sturmwolken ihrer ungewissen Zukunft. Sie, wir, suchen einen Job, um „endlich“ anzukommen, klare Strukturen aufzubauen, Wurzeln zu schlagen und zu arbeiten bis die Rente das nächste Abenteuer kommt!

Und das kam in meinem Fall auch viel früher, als ich dachte.

Ich bin nach meinem Bachelor fast selbstverständlich davon ausgegangen, dass nun die Arbeitswelt ruft und mich der erste Job eine ganze Weile meines Lebens begleiten würde. Dem war nicht so.

Nach meinem Abschluss als Kommunikationsdesignerin erwartete mich dank eines ausgewogenen Verhältnisses von Organisation, Voraussicht, Engagement und Vitamin B mein erster Job in einer Agentur. Kurz gesagt: Ich fand alles toll. Die Stelle, das Team, die Firma (mit eigenem Fitnessraum und Bar), die Projekte, meinen Umzug nach Hamburg – mein zweites Zuhause. Das erste Gehalt – lang ersehnte Unabhängigkeit! Einkaufen gehen, ohne den Betrag nachher penibel auf Ausgaben-Listen eintragen zu müssen, sich neue Laufschuhe, Blumen oder einen Ausflug gönnen oder die liebsten Freunde zum Essen einladen – einfach mal so! Ich fühlte mich rundum wohl, in jeglicher Hinsicht. Und ich dachte, das würde ewig so weitergehen. Bei dieser Ewigkeit handelte es sich dann rückblickend um genau 2 Jahre und 7 Monate.

(CC0) Breather/Unsplash.com

Was einem während des Studiums nicht bewusst ist, ist, dass man sehr viel Zeit hat, obwohl man sich ständig sagen hört, dass man keine Zeit hat. Ein schlauer Mensch hat einmal zusammengefasst, dass uns allen gleich viel Zeit zur Verfügung steht, der Unterschied aber darin liegt, wofür und wie wir sie nutzen. Die Aussage „ich habe keine Zeit“ entspricht dabei eher einem ehrlichen „ich möchte dafür keine Zeit investieren“ oder einem priorisierenden „ich verwende meine verfügbare Zeit lieber auf etwas Anderes, was mir wichtiger ist“. Beide Varianten sind völlig legitim.

Laut meines Arbeitsvertrages hatte ich eine 40-Stunden-Woche, das entsprach auch 50% des Jahres der Wahrheit. Prinzipiell halte ich Überstunden nicht für katastrophal, als aber zunehmend enge Timings, selbstverliebte Art Direktor*innen und fehlende Wertschätzung meiner Arbeit (ja, Wertschätzung! Denn ein kurzes Danke ab und zu halte ich auch an den längsten Tagen für vermittelbar.) – als all diese Dinge wie selbstverständlich an der Tagesordnung waren, begann die bunte Werbewelt mit ihren rauschenden Parties und aalglatter Oberfläche zu bröckeln.

Die Zusammenarbeit und Unternehmungen mit Kollegen, die meine Freunde wurden und es heute auch noch sind, werde ich noch lange in Erinnerung behalten. Aber irgendwann konnten auch sie meine Unzufriedenheit nicht mehr ausbalancieren. Wahrscheinlich ist diese exzessive Lebensweise, sowohl am Tag durch die langen (und immer als selbstverständlich betrachteten) Arbeitszeiten als auch in der Nacht, eine logische Konsequenz des alltäglichen Drucks. Der gelebte Kontrast war auch für mich der einzige Weg, das einzige Ventil, damit umzugehen.

Heute schaue ich mit gemischten Gefühlen zurück. Es war lange eine geile Zeit, tatsächlich, und so schwer es mir fiel, damit zu brechen, so war es doch die richtige Entscheidung. Obwohl ich nach dem Bachelor felsenfest davon überzeugt war, niemals mehr eine Klausur oder Hausarbeit schreiben zu wollen, keimte nach ein, zwei Jahren Berufstätigkeit der Wunsch auf, etwas Neues lernen zu wollen. Ich ertappte mich entsetzt bei dem Gedanken:

„Wenn diese Arbeit jetzt das ist, was ich die nächsten 10 Jahre machen muss, dann fühle ich mich nicht gut dabei.“

Die Arbeit an sich gefiel mir schon, aber nicht die Bedingungen, die damit einhergingen. Bis sich mir dieser Gedanke erschloss, vergingen allerdings viele Wochen und Monate des Zweifelns und Abwägens, in denen ich mich auf meinem geradlinigen Arbeitspfad nach einer Abzweigung umsah –  sie fand – und mein Masterstudium begann.

(CC0) Glen Noble/Unsplash.com

Ich hatte Lust zu Lernen, Lust zu Lesen. Lust, Hausarbeiten zu schreiben (!). Dieses Bedürfnis habe ich jetzt nach 5 Semestern nicht mehr, aber ich bin froh, damals den Sprung ins kalte Wasser gewagt zu haben. Zurück ins Studentenleben, wieder ins WG-Leben, wieder in finanzielle Unsicherheit und Ausgabe-Listen-Führerei.

Ich will ehrlich sein: Leicht war der Wechsel nicht. Je nach Stimmungslage und Tagesform erwische ich mich sogar heute noch, wie ich an die „gute alte Zeit“ zurückdenke und das herzliche Miteinander und das viele Lachen im Team bei abendlichen Kicker-Turnieren vermisse. Ich erinnere mich wehmütig an meine kindliche Begeisterung dabei und das Gefühl, frisch nach dem Bachelorabschluss etwas erreicht zu haben. Dann frage ich mich, ob ich zu früh aufgegeben habe, ob ich es überhaupt Aufgeben nennen sollte, oder ob ich hätte bleiben und es akzeptieren müssen, dass es im Joballtag nun mal gute und schlechte Phasen gibt, die mal länger, mal kürzer andauern.

Veränderung verunsichert, aber sie stärkt. Ob ich mich nach drei oder vier Jahren in der Agentur wieder gefühlt hätte wie am Anfang, werde ich nie wissen, und das ist auch nicht wichtig für meine Zukunft. Fest steht, dass ich viel aus meiner Zeit dort mitgenommen habe. Das ist neben dem technischen Knowhow und der Arbeitserfahrung vor allem die Dankbarkeit, so tolle Menschen kennengelernt zu haben, die heute noch Teil meines Lebens sind. Ganz zu schweigen von praktischen Dingen, organisatorischen Fähigkeiten und der Bedeutung einheitlicher Dateibenennung und Ordnerstrukturen.

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Im Laufe meines Masterstudiums habe ich begriffen, Veränderungen als Bestandteil meines Lebens zu akzeptieren, mich damit zu arrangieren und mich sogar darüber zu freuen, wenn es geht. Für mich war es wertvoll, mir bewusst zu machen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen ein einziger Beruf untrennbar mit einem Menschen verbunden war und ihn Hand in Hand bis zum Ende begleitet hat. Es ist für mich nicht immer leicht, in dieser fehlenden Sicherheit etwas Gutes zu sehen – ganz und gar nicht, dafür zweifle ich zu sehr und stelle andauernd alles in Frage. Aber wenn ich heute an meiner Masterarbeit schreibe und sehe, wie weit ich gekommen bin, dann fühle ich mich erleichtert und fast ein bisschen stolz. Den vielen restlichen Fragezeichen in meinem Kopf begegnet zwar weiterhin ein verunsichertes, aber mindestens ebenso aufgeregtes Ich, das versucht, den sich auftürmenden Sturmwolken seiner Zukunft mutig entgegenzublicken. Diesmal mit Regenjacke und Gummistiefeln versteht sich – nur für alle Fälle.

Titelbild:  (CC0) Olu Eletu/Unsplash.com

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