Caring is sharing – Mein Jahr in einer Camphill Community

Mir wird ganz warm ums Herz, als ich dieses strahlende, breite Lachen wiedersehe, das manchmal bis in ganz andere Sphären zu leuchten scheint. Als ich wieder ihre Hand in meine nehme und spüre, wie sie sich freut und den Druck erwidert. Eine Hand, die mich auch schon verletzt hat – aber jetzt spüre ich, es ist keiner solcher Momente.

Leider ist es nur ein Traum. Ein schöner Traum. Ein halbes Jahr ist es her, dass ich dieses Lachen gesehen und gehört habe – anderthalb Jahre, dass es zu meinem Alltag gehörte.

Sie heißt Sharon

Sharon* ist eine junge Frau und sie sitzt im Rollstuhl. Sie redet viel und gerne, aber wer sie nicht kennt, wird wohl kaum etwas verstehen. Sie erzählt Geschichten aus ihrem Alltag, von Menschen, die sie gut kennt. Sie imitiert Gespräche, die Menschen mit ihr und in ihrer Gegenwart geführt haben – und sie singt gerne und inbrünstig, mit ausgedachten Texten auf bekannte Melodien. Ihre Lieblingsmelodie ist „Orinoco Flow“ von Enya, dieses Lied werde ich immer mit ihr verbinden. „Sail away, sail away, sail away…“ noch heute habe ich häufig einen Ohrwurm davon. Besonders freut sich Sharon, wenn Leute in ihrer Umgebung Ärger kriegen – dann fliegt ihr sofort ein schelmisches Grinsen übers Gesicht. Sharon ist der Mensch, mit dem ich ein Jahr lang einen großen Teil meines Lebens geteilt habe.



„Viel Zeit mit anderen Menschen, wenig Zeit für mich.“

Nach dem Abi bin ich nach Schottland gegangen, um dort für ein Jahr in einer Camphill-Community zu leben und zu arbeiten. Camphill-Einrichtungen sind Orte, an denen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam leben und sich im Alltag unterstützen. Neun Betreuer*innen leben hier mit fünf bis sechs jugendlichen Betreuten zusammen in einem Haus.

Mein Alltag war bestimmt von strengen wöchentlichen und täglichen Routinen. Das ist besonders wichtig für die Jugendlichen, die autistisch sind. Frühstück, Schule, Mittagessen, Nachmittagsaktivität, Abendessen, Bett. Zwei Tage die Woche hatte ich frei, die anderen Tage war ich von morgens bis abends in den Tagesablauf eingebunden und verbrachte den Großteil meiner Zeit mit Sharon. Ich duschte sie, aß mit ihr, machte Spaziergänge (und übte mich dabei in der Steuerung von elektrischen Rollstühlen), sang mit ihr, machte die Wäsche und versuchte, sie dabei so gut es ging einzubinden. Und ich hörte unendlich viel Musik, denn das ist Sharons Lieblingsbeschäftigung.

(CC0) Elaine Casap/Unsplash.com

Mit Sharon zusammenzuleben, war nicht immer schön und leicht, denn eines ihrer Lieblingsworte ist „No“. Nein dies nicht, nein das nicht – sonst schrei ich bis dir die Ohren abfallen. Trotz Kreativität, Überzeugungstaktiken und Geduld stieß ich da immer wieder an meine Grenzen. Es gab Phasen, da waren die Momente des hinreißenden Lächelns kaum vorstellbar. Denn Sharon hatte zu kämpfen. Sie hatte zu kämpfen mit den vielen Hürden und Stolpersteinen, die ihre Beeinträchtigung ihr in den Weg legte, und auch mit ihrem ausgeprägten Temperament. Sie haute immer ordentlich auf den Putz. Es fiel mir am Anfang schwer, hinter all das zu gucken und Sharon, die Person, zu sehen anstatt Sharon, das Mädchen, das im Rollstuhl sitzt, sich kaum bewegen kann, ständig schreit und vor der ich mich in Acht nehmen muss, damit sie mich nicht verletzt.

Aber die Zeit half mir dabei und bis heute gehört ein Platz in meinem Herzen ihr. Ihr und den anderen Jugendlichen, mit denen ich mein Leben dort verbracht habe. Und natürlich haben sich auch all die schönen Momente in meine Erinnerung gebrannt, die ich mit anderen Freiwilligen geteilt habe und die mein Jahr so unglaublich bereichert haben. Nie in meinem Leben habe ich so viele Ausflüge gemacht wie in diesem Jahr.

Es war eine intensive Zeit. Viel Zeit mit anderen Menschen, wenig Zeit für mich. Viel „Arbeit“, wenig Freizeit. Das war schwer, auch wenn ich vorher wusste, dass es so sein würde. Der Gedanke bei Camphill ist immerhin genau der: Arbeit und Freizeit gehören hier zusammen.

Belastend war für mich vor allem die fehlende Autonomie. Ich war ständig eingebunden in den Alltag, der sich so gut wie nur auf diesem einen Gelände abspielte, wo es ein paar Häuser, eine Schule und eine Farm gab. Es war ein Alltag, an dem sich jeder Tag gleich anfühlte.

„Ich genieße meine Autonomie.“

Mit der Zeit habe ich mich davon immer mehr eingeengt gefühlt. Ich habe es vermisst, abends einfach mal rauszukommen. Ich habe es vermisst, mal etwas ganz anderes, Neues zu machen. Ich habe es vermisst, öfter etwas für mich zu tun. Stattdessen war ich ständig auf die Person fixiert, für die ich verantwortlich war. Dass unsere Beziehung zu einem  ausgewogenen Zusammenleben wurde, habe ich leider nicht erreicht. Für mich war es doch meistens eher Arbeit. Natürlich nicht immer und nicht vollkommen. Aber für mich persönlich waren Tagesablauf, Tätigkeiten und Einschränkungen zu sehr auf die Betreuten ausgerichtet, sodass ich mich selbst darin nur schwer wiederfinden konnte.

Meine individuellen Wünsche und Bedürfnisse wichen stark von dem ab, was in einem Alltag mit Sharon möglich war – denn das war aufgrund ihrer vielen Einschränkungen und psychischen Probleme nicht viel. Zum einen lag das auch an dem Haus, in dem ich gewohnt habe und in dem es mit der Hausleitung einige Probleme gab – aber vor allem habe ich gemerkt, dass es dauerhaft kein befriedigendes Leben für mich ist, in diesen Strukturen zu leben, auf die ich nur geringen Einfluss habe und in denen ich mich immer nach einer anderen Person richten muss. Ich genieße meine Autonomie, ich brauche sie. Nicht immer, aber mehr, als es in diesem Rahmen möglich war.

(CC0) Mathias Reed/Unsplash.com

Die meisten verlassen Camphill nach ein oder zwei Jahren. Die meisten, mit denen ich gesprochen habe sagen, für länger als ein paar Jahre können sie sich diese Lebensform nicht vorstellen. Aber es gibt auch die Menschen, die seit Jahren dort wohnen. Die in jungen Jahren dort hinkamen und dort heute mit ihrer Familie leben.

Sie bleiben allerdings die Ausnahme. Zu wenige Betreuer*innen wollen ihr gesamtes Leben dauerhaft dem Camphill-Rhythmus anpassen. Das hat sicher auch etwas mit kulturellen Veränderungen zu tun.  Autonomie und Individualität werden für viele Menschen immer bedeutsamer. Ich hätte dort jedenfalls nicht dauerhaft zufrieden sein können.


„Ich habe nicht das Gefühl, dass das Leben in einer Gemeinschaft nicht zu mir passt.“

Ich möchte die Erfahrung vom Leben in einer größeren Gemeinschaft gerne noch einmal machen. Ich habe keine genaue Vorstellung davon, wie das sein soll. Ich weiß nicht, wann es sich für mich ergeben wird. Trotzdem kann ich sagen, dass ich grundsätzlich eine positive Einstellung zu so einem Gemeinschaftsleben habe.

Was ich jedoch für mich herausgefunden habe ist, dass diese Art von Zusammenleben nicht die Richtige für mich ist: Eine Gemeinschaft, in der ich eine sehr große und zeitlich einnehmende Verantwortung für Personen habe, die ich nur wenig in mein Leben integrieren kann, wie ich es mir wünsche.

Ich habe eine unglaublich schöne, bereichernde, aber auch schwierige Zeit in Camphill verbracht. Ich war erleichtert, als ich nach einem Jahr die Koffer packte – und habe mich unglaublich gefreut und zu Hause gefühlt, als ich ein Jahr später wieder zu Besuch zurückkam. Ich habe viel gelernt – auch darüber, was für meine Lebenszufriedenheit wichtig ist. Aber die berührendste, tiefste und überraschendste Erfahrung die ich mitgenommen habe, ist die intensive Liebe, die ich für Sharon empfinde. Und dafür bin ich unglaublich dankbar!

 

Titelbild: (CC0) Sidharth Bhatia/Unsplash.com 

*Name geändert

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Judith Holle
Judith findet es spannend, die vermeintliche Normalität immer wieder zu Dekonstruieren. Zur Zeit beschäftigt sie sich besonders gerne mit queer-feministischen Themen. Sie freut sich besonders darüber, wenn die Kreativität sie mal wieder besucht und ein Gedicht oder eine Geschichte dalässt.

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