Die Poly-Kolumne Teil 6 – Seid furchtlos!

Polyamore lieben mehr als einen Partner. Oder besser gesagt, sie behalten sich vor, mehr als einen Partner lieben zu können. Das führt hier und da zu seltsamen Begegnungen, für die weder der Knigge noch die lieben Eltern einen vernünftigen Rat anbieten können. In unserer Polykolumne berichten daher drei Polyamore anonym über ihre Erfahrungen und das Leben und Lieben mit mehr als zwei Beteiligten.

Seid furchtlos!

Eine der häufigsten Fragen, die mir gestellt wird, wenn ich erzähle, dass ich jetzt poly lebe, ist: „Hast du nicht Angst, dass sich dein Freund in eine andere verlieben und dich dann verlassen könnte?“ Dann antworte ich mit einem gütigen Lächeln, dass man seine*n Partner*in nie besitzen könne und es deswegen bestenfalls eine Scheinsicherheit ist, dass man nicht verlassen wird, egal in welcher Beziehungsform man*frau lebt. Das gütige Lächeln lernen wir im Poly-Bootcamp, in dem es die Weisheit zu löffeln gibt, mit der wir die armen, zurückgebliebenen Monos versorgen, wenn wir wieder rauskommen. Selbiges gütige Lächeln gefror mir kürzlich schmerzhaft auf dem Gesicht, als ich merkte, dass ich plötzlich doch eifersüchtig wurde.

Der Grund war der Besuch der Partnerin von Jonas*, mit dem ich mich seit einiger Zeit vergnüge und der mir überraschend schnell ans Herz gewachsen ist. Ich, die Eifersucht nur aus der Ferne kennt und aus Prinzip – Kapitalismus! Patriarchat! Besitzansprüche! – ablehne, konnte am ersten Abend, an dem sie in der Stadt war, beim „Siedler von Catan“-Spielen kaum einen klaren Gedanken fassen und verlor demzufolge kläglich.

Meine Freundin Linda* fragte etwas ratlos, was mein Problem sei. „Du hast doch Matthias* als deinen festen Freund und außerdem wusstest du doch vorher, dass Jonas eine feste Freundin hat. Hattet ihr das nicht alles geklärt, wer wo steht?“ Natürlich hatten wir das, aber ich stand jetzt etwas neben mir und konnte mir nicht erklären, wie ich da hin gekommen war.

Die Situation, „die Zweite“ zu sein, war neu für mich. In dem Moment, in dem seine „Nummer Eins“ zu Besuch war, war ich schmerzlich auf meine Position verwiesen worden und mir wurde auf einmal klar, wie prekär meine Lage war. Was, wenn sie doch etwas gegen mich hatte und fordern würde, dass wir uns nicht mehr sehen? Ich könnte, so mein Gedanke, nichts dagegen tun. Kontrollverlust ist, wenn er nichts mit Seilen und Augenbinden zu tun hat, nicht wirklich mein Ding und so fühlte ich mich auf unangenehme Weise ausgeliefert und hatte auf einmal sehr große Angst, einfach so verlassen zu werden.

Wie findet jemand seinen Platz, wenn alle Plätze schon belegt sind? (CC0) Jake Campbell/Unsplash

Als sich Jonas’ Freundin Mara* als sehr sympathische Frau herausstellte, wir unsere gegenseitige Achtung voreinander bekundet hatten und ich wieder bei Sinnen war, wurde mir bewusst, was eigentlich los war. Anders als ich in den Gesprächen mit dem gütigen Lächeln auf dem Gesicht immer behauptet hatte, war ich mir nämlich genauso wie viele Menschen in festen Beziehungen doch sehr sicher, dass Matthias mich nicht verlassen würde. Schließlich war er mein fester Freund! Und per Definition verlassen die einen nicht. Punkt. Mit Jonas gibt es diese Definition nicht – ich weiß bis heute nicht, wie ich ihn vorstellen oder über ihn sprechen soll – und das bringt auf einmal die ganze unbequeme Wahrheit so nackt auf den Tisch: Wir verbringen Zeit miteinander und teilen Intimität, weil wir uns mögen. Es gibt aber keine soziale Norm, die irgendwas über diese Beziehung aussagt, die wir miteinander haben. So wird deutlich, dass wir das wirklich ausschließlich aus freien Stücken tun und dass das, weil wir eben zwei autonome Menschen sind, auch enden kann. Wenn ich aber davon ausgehe, dass auch mein fester Freund ein selbstbestimmter Mensch und aus freien Stücken an meiner Seite ist, weiß ich, dass auch diese Beziehung enden kann – aus welchen Gründen auch immer.

Zugleich darf ich annehmen, dass mein Freund und mein Whateveryoumaycallhim mich und unsere jeweilige Beziehung respektieren und nicht unter dem Vorwand der Autonomie, das, was wir miteinander haben, als vogelfrei ansehen. Autonomie als Selbstbestimmung heißt schließlich nicht, dass Bindungen egal sind. Bindungen jedweder Art rühren ganz eng an die eigene Person, so dass das Selbst, das bestimmt wird, gar nicht ohne sie gedacht werden kann.

Ich habe also durch diese kurze Begegnung mit dem Unbekannten – einer dritten Person und meiner eigenen Eifersucht – gelernt, dass man sich wirklich wirklich nie sicher sein kann. Das war beängstigend und bestärkend zugleich. Ich habe also die Wahl: Ich kann mich ständig fürchten, denn die Gefahr, verlassen zu werden ist real. Oder ich kann die Zeit genießen, die ich mit diesen tollen Menschen verbringen darf.

Ohne zu zögern entscheide ich mich für die Furchtlosigkeit. Bis Mara das nächste Mal zu Besuch kommt.

* Alle Namen selbstverständlich erfunden.

Titelbild: © Filiz Oktem

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Octopolly
Octopolly ist ein Kollektivwesen, das mit drei Armpaaren über unterschiedliche Dinge aus dem bunten Spektrum von Poly-Beziehungen schreibt. Mit dem vierten isst es Kuchen.

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