P wie Poly, P wie politisch, P wie perfekt (Absolut. Und überhaupt nicht.)

Wenn in der Polyamorie plötzlich Liebe nicht mehr auf zwei Menschen beschränkt ist, ist das wunderbar. Und anstrengend. Und wert, besprochen und diskutiert zu werden. Liebe und Zwischenmenschliches eben.

Wenn das alles mal einfach wäre…

Eine Freundin strickt mir jedes Jahr zum Geburtstag drei Socken. Bunte, aus Restwolle. Mit der Begründung „weil du immer sagst, heteronormative Zweierbeziehungen sind bürgerlich-verstaubt und werden überbewertet“. Stimmt. Sage ich. Weil ich glaube, dass verschiedene Lieben auf verschiedene Arten möglich sind. Dass sich Menschen nicht gegenseitig gehören. Dass Sex nicht der einzige Liebesbeweis und Treue verhandelbar ist. Dass (nur?) so Liebe nicht dem kapitalistischen System anheim fallen kann. Deswegen lebe ich in einer polyamoren-cross-kontinentalen-long-distance-Beziehung.

„Warum machst du es dir eigentlich so kompliziert?“ fragt die Freundin mit den Socken. Dabei scheint das Ganze nicht komplizierter zu sein, als jede andere (monogame) Beziehung auch. Vielleicht stellen sich nur andere Fragen. Oder Fragen an anderen Stellen. Vorannahmen sind nicht unausgesprochen haltbar. Was definiert eine Freundschaft? Für mich Nähe, Vertrauen, gegenseitige Verantwortung, eine körperliche Ebene, vielleicht eine sexuelle. Und Liebe? Genaugenommen ziemlich das Selbe. Da verschwimmen plötzlich Grenzen, die eigentlich Sicherheit geben. Wenn nicht am Sex – woran liegt es denn dann? An der Romantik? Es fallen aber auch Grenzen weg, die Solidarität verhindern, die verschiedene Liebesformen gegeneinander ausspielen oder hierarchisieren: Eine Freundschaft ist weniger intim als eine Beziehung – man kann nur das eine oder das andere haben und gewisse Verhaltenskodexe kommen mit jeder Form.

…dann wäre es auch nur halb so spannend.

„Wäre es nicht super, wenn wir zu jeder*m immer genau sagen könnten ‚Ich wünsche mir gerade dies und jenes / genau diese Art von Beziehung zu dir?“, sinniert die Freundin, der der eine Socken etwas größer geraten ist, als die beiden anderen. Ja, wäre es, denke ich. Aber da steckt das Dilemma in der Sprache, die es braucht, um genau dieses Wollen zu formulieren. Überhaupt, erst zu wissen, was dieses Wollen ist.

Ich will eine anarchische Beziehung, das, was so schön Relationship Anarchy heißt. Eine, in der alle frei lieben, wen sie grade lieben wollen. Denn das ist ja klar, dass verschiedene Lieben auf verschiedene  Arten möglich sind, dass es da keine Hierarchien gibt und die sich nicht gegenseitig ausschließen. Jede Liebe ist eben einzigartig.
…und dann brauche ich einen Moment und einige Erfahrungen, um zu merken: das ist ein perfektes Konzept. So sind wir frei und solidarisch und können dem Kapitalismus vielleicht ein Schnippchen schlagen. Genauso soll das sein. Und dann ist da dieser kleine Stich im Bauch, in der Kehle, diese kleine, nagende Eifersucht.

(CCO) PublicDomainPictures/Pixabay.com

Und dann braucht es wieder einen Moment und einige Erfahrung und einige Lektüre der Ethical Slut um zu merken: Das ist ein legitimes Gefühl oder zumindest eines, das da ist. Egal, dass es konditioniert ist, durch die heteronormative, monogame Kultur, in der ich aufgewachsen bin. Gefühle sind mindestens 50% der Wirklichkeit – und konkret stärker als die meisten Konzepte.

„Ja, eben. Da muss man schon ganz schön doll Menschen mögen, um das auszuhalten.“, seufzt die Freundin. Und sich selbst, füge ich in Gedanken hinzu. Weil es auch damit zu tun hat, eigene Grenzen auszuloten und sie sich einzugestehen. Damit, für sich selbst einzustehen, wenn Gefühl und Konzept nicht überein passen. Weil es nottut, zu schauen, wo die eigentlichen Gründe liegen für Gefühle. Und so zu einem bewussten, achtsamen Umgang mit den Menschen zu kommen, die einen umgeben.

Diese Bewusstwerdung tut ein bisschen weh. Da bröckeln manchmal Bilder, die ich mir von mir selbst und anderen gemacht habe. Aber wenn ich kalte Füße kriege, ziehe ich einfach irgendwelche der Socken an. Und mache einen kleinen Schritt nach vorne um zu sehen, wie ich weitergehen kann.

(CCO) Seth Doyle/Stocksnap.io

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Philippa
Philippa mag Menschen mögen und versucht nach dem Motto „I love you, your are perfect. Now change.“ zu leben. Außerdem plant sie im Kollektiv die Revolution, denn der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte.

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