Eine Beziehung ist keine Fertigkeit

Vor ein paar Tagen stieß ich auf eine Frage, die sehr oft in nicht-monogamen und polyamoren Gruppen gestellt wird:

Was braucht ihr am Meisten, damit eure Poly-Beziehung funktioniert?

Natürlich hatte jede Person unterschiedliche Antworten. Es braucht gute Kommunikation. Vertrauen. Liebe. Oh, und mein Favorit: Selbstwertgefühl.

Der am höchsten bewertete Kommentar war von einer Person, die im Wesentlichen sagte: Wenn du nicht an deinen Selbstwert glaubst, wird deine Beziehung nicht funktionieren. Oh, und dass Polyamorie Menschen dazu zwingt, sich mit ihrem Mangel an Selbstwertgefühl auseinanderzusetzen – anders als bei Monogamie.

Du bist nicht deine Beziehungen

Nun, an dieser Antwort ist so viel falsch, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Und um ehrlich zu sein, liegt das wahrscheinlich daran, dass die Frage selbst ihre Schwachstellen hat. Aber ich werde mir zunächst die Idee vornehmen, dass Selbstwertgefühl für gute Beziehungen notwendig ist.

Viele von uns zweifeln an unserem Selbstwert. Besonders, wenn wir nicht in die Kriterien passen, an denen unsere Gesellschaft Schönheit und Wert misst, ist es wahrscheinlich, dass wir Selbstzweifel haben und uns beschissen fühlen. Tatsächlich werden Millionen von Beträgen in jedweder Währung in Plakatwände, Werbung und alles andere um dich herum gesteckt, nur um dich davon zu überzeugen, dass du nicht gut genug bist und nur das Ausgeben von Geld dich genug werden lässt.

Wenn du nicht weiß bist, oder nicht dünn bist, oder nicht reich bist, wenn du nicht gesund bist, wenn du nicht alles bist, was diese Gesellschaft als begehrenswert betrachtet, wird es Momente geben, in denen du an dir selbst zweifelst. Sogar diejenigen unter uns, die die größte gesellschaftliche Macht besitzen, die cis-heterosexuellen weißen Männer, die alle Machtstrukturen dominieren – selbst sie haben Selbstzweifel. Daher Rogaine. Haartransplantation. Viagra.

Hinzu kommt: Falls du in einem gewaltvollen Zuhause aufgewachsen bist, falls du durch Gaslighting manipuliert wurdest zu denken, deine Gefühle wären immer falsch, falls du gezwungen wurdest, zu glauben, dass du immer auf irgendeine Art und Weise mangelhaft bist – dann sind Selbstzweifel dein Standard.

(CCO) Hernan Sanchez/Stocksnap.io

Und es stimmt, dass einige von uns, obwohl wir nicht in das gesellschaftliche Puzzle passen, Selbstwertgefühl haben. Aber einige von uns haben es nicht. Einige haben es an manchen Tagen, aber nicht an anderen. Manche haben Selbstvertrauen in einigen Lebensphasen, aber nicht in anderen. Manche haben Angst. Manche weinen. Und manche von uns sind einfach durcheinander.

Klipp und klar: Ich weigere mich zu glauben, dass Menschen, denen es schwerfällt, sich selbst wertzuschätzen, für die es anstrengend ist, zu kommunizieren, die Mühe haben, an sich selbst zu glauben, keine “guten” Beziehungen führen können.

Du bist nicht deine Mitfreude

Um das zweite Argument zu zerschlagen: Ich weigere mich, zu glauben, dass das Ausgehen mit mehr als einer Person dich irgendwie besser darin macht, mit Menschen auszugehen. Wenn das wahr wäre, würde serielle Monogamie aufhören zu existieren. Polys fallen manchmal dem Irrtum anheim, dass ihre Mehrbeziehungen sie aus einem Klumpen Keksteig in gemeißeltes Holz verwandelt haben und sie, anders als die tragischen IKEA-versessenen Monogamen, den Schlüssel zur romantischen Erleuchtung besitzen.

Gleichzeitig glauben genau dieselben Menschen: “Es gibt keinen einzigen richtigen Weg, poly zu leben”. Es gibt viele falsche und ungesunde Wege, poly zu leben, genau wie es viele falsche und ungesunde Wege gibt, monogam zu leben. Nur weil du mit mehr als einer Person zusammen bist, heißt das nicht, dass du eine größere Chance hast es richtig zu tun. Und warum ist das so?

Weil Beziehungen keine Fertigkeiten sind, die du erwerben kannst. Sie sind Partnerschaften zwischen Menschen und kein Wettkampf, den du gewinnen kannst. Was mich zum Kern des Problems bringt. Die Frage:

Was brauchst du, damit eine Beziehung funktioniert?

Was bedeutet es überhaupt, dass eine Beziehung “funktioniert”? Meinst du, dass sie nicht zu Ende geht? Frag die Legionen von Kindern katholischer Eltern, die sich schon lange hätten scheiden lassen sollen, ob das Zusammenbleiben eine erfolgreiche Beziehung bedeutet. Frag meine lesbische Mutter, ob das Zusammenbleiben mit meinem beschissenen Vater, um mir ein “normales Aufwachsen” in den ersten zwölf Lebensjahren zu ermöglichen, für mich oder für sie “funktioniert” hat?

(CCO) Samantha Sophia/Stocksnap.io

Du bist nicht deine Trennungen

Also, was heißt es dann? Wenn wir eine “funktionierende” Beziehung nicht daran definieren, dass es keine Trennung gibt, was bedeutet es dann? Heißt es kein Stress? Du lebst so glücklich wie eine Muschel in Stepford.

Versteckt in sowohl der Frage als auch der bestbewerteten Antwort, ist die ungeschriebene Regel, dass eine Beziehung “funktioniert”, wenn du sie perfektionierst, indem du es irgendwie schaffst, deine eigenen Gefühle in dir zu behalten, um andere nicht mit ihnen zu belasten. Beziehungen “funktionieren” nur, wenn alle glücklich sind. Wenn Menschen unglücklich sind, “funktioniert” deine Beziehung nicht.

Wenn Selbstvertrauen der Schlüssel zu einer funktionierenden Beziehung ist, müssten Menschen wie ich mit psychischen Problemen, die ihr Selbstbewusstsein noch aus den Scherben zusammen stückeln, die ihr Aufwachsen hinterlassen hat, mit Vulkanen von Selbstzweifeln, die manchmal ausbrechen und andere Lebensbereiche überfluten, wohl gehörig in der Scheiße sitzen.

Aber das stimmt nicht.

Du bist nicht deine Gefühle

Weil Beziehungen nicht “funktionieren”, nur weil du herausragendes Selbstvertrauen hast. Beziehungen werden nicht auf dem starken Selbstbewusstsein einer Person gebaut. Beziehungen sind das Zusammenkommen von Menschen, die etwas aneinander finden, das sie wertschätzen.

Beziehungen sind die Entscheidungen von Menschen, sich aneinander zu binden — was auch immer diese Bindung für sie bedeutet.

Sie sind die Entscheidung, dass, trotz der Gefühlsturbulenzen und Schwächen, etwas in ihrer Bindung ihnen etwas gibt, das es sich lohnt zu bewahren.

Wir müssen aufhören anzunehmen, dass eine Straße voller Hindernisse bedeutet, dass jemand nicht Auto fahren kann. Eine weitere Sache, die oft in nicht-monogamen und polyamoren Netzwerken vorkommt, sind Status-Updates und Legionen von Menschen, die ihren Erfolg im Poly-Sein auf ihren Mangel an Gefühlen zurückführen. Es macht sie nicht wütend oder traurig, dass ihre Partnerperson mit einer anderen Person zusammen ist! Sie freuen sich sogar darüber! Ergebnisse! Jackpot! Bingo! Kling!

Du hast gewonnen! (Und das Spiel verloren. Sorry, Richard).

(CC0) Blake Lisk/Unsplash.com

Der Gedanke bringt mich zum Schreien! Weil das bedeuten würde, dass jede Person, die mit Gefühlen zu kämpfen hat oder sich nicht unbedingt großartig fühlt, wenn ihre Partnerperson mit anderen ist, irgendwie versagt hat. Aber das haben sie eben nicht. Nur, weil du Gefühle hast, heißt das nicht, dass du versagt hast. Polys sollten aufhören, ihre Beziehungen so zu sehen. Wir sind keine Vulkanier. Wir sind Menschen. Und Gefühle zu haben, auch die Scheißgefühle, die du nicht magst, ist kein Versagen.

Falls ich mich entscheiden müsste, ob meine Beziehung mit mir selbst “funktioniert”… sie tut es nicht. Manchmal habe ich schreckliche Selbstzweifel. Manchmal bin ich aufgebracht. Manchmal weine ich. Mein Autismus erschwert mir Kommunikation und das Wahrnehmen meiner eigenen Gefühle. Ich werde eifersüchtig. Mir kommt manchmal Gift und Galle hoch, wenn ich daran denke, dass meine Partnerperson gerade mit einer anderen Person zusammen ist. Gedanken rasen wie Blitze durch meinen Kopf.

Bin ich nicht gut genug? Ist das Problem, dass ich nicht binär bin? Möchte meine Partnerperson eine “echte” Person mit einem “echten” Geschlecht? Macht meine Demisexualität mich langweilig? Oh scheisse, möchte meine Partnerperson eine dieser fantastischen selbstbewussten Polyhausfrauen, die sich niemals über irgendetwas aufregen und die sogar mitmachen, ohne die Folgen sexuellen Missbrauchs aufarbeiten zu müssen? Sorgt meine schlechte psychische Verfassung dafür, dass unsere Beziehung “nicht funktioniert”?

Du bist nicht deine Partnerpersonen

Aber scheiss drauf. Meine Beziehung “funktioniert” weil es nicht nur um mich geht und darum, dass ich meine Gefühle aufstaue. Es geht nicht nur darum, wie meine Partnerperson mit meinen Gefühlen “fertig wird”. Es geht darum, dass ich und jede andere Person, mit der ich in der Zukunft zusammen sein möchte, die Entscheidung getroffen hat, mich zu akzeptieren und mich in ihrem Leben haben zu wollen  —  mein ganzes Selbst. Jede Rundung und jede Kante.

(CC0) Thought Catalog/Unsplash.com

Und wenn meine jetzige Beziehung “fehlschlägt”, wenn es nicht klappt … dann heißt das nicht, dass ich Erfahrung oder eine Stufe verloren habe. Falls eine Person nicht mit meinen Gefühlen umgehen kann, dann kann diese Person nicht mit mir umgehen. Und das ist eine Entscheidung, die sie trifft. Nicht eine Konsequenz davon, dass ich nicht so tun möchte, als ob alles in Ordnung wäre, obwohl es das nicht ist.

Ich sag es noch einmal: Beziehungen sind keine Fertigkeiten die du erwerben kannst. Sie sind manchmal “erfolgreich”. Manchmal nicht. Manchmal halten sie. Manchmal nicht. Jede Beziehung ist anders. Und du kannst zwei vollkommen selbstbewusste Menschen in einer Beziehung haben, die aus einer Fülle von Gründen nicht für sie “funktioniert”.

Also, statt zu fragen, was ihr für eine “funktionierende” Beziehung braucht oder was ihr braucht, um in einer zu sein, fragt, was es überhaupt für euch bedeutet, dass eine “Beziehung” funktioniert. Denn sobald ihr herausfindet, was ihr in einer Beziehung wollt, wird es euch mehr nützen, als ein arrogantes, “selbstbewusstes” Arschloch zu sein, das denkt, dass sein Lebensstil der Schlüssel zur Erleuchtung ist.

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Übersetzerin: Franziska Trabold

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Lola Phoenix
Lola ist nicht-binär, queer, Ende zwanzig und schreibt zukünftige Sci-Fi/Fantasy-Bestseller.

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