Am Verhandlungstisch: Kommunikation (nicht nur) in polyamoren Beziehungen

Lange Zeit war ich der Meinung, dass alles anders gekommen wäre, wenn ich ein Veto-Recht gehabt hätte. Ich hätte es dann, als es brenzlig wurde, eingesetzt und wäre diese andere Frau in unserer Beziehung losgeworden. Wir wären glücklich und zufrieden gewesen, dachte ich – bis ans Ende unserer Tage. Spoiler: Sind wir nicht. Also, glücklich und zufrieden wohl schon, aber nicht zusammen.

Was wir damals ohne nennenswerte eigene oder fremde Erfahrung im Umgang mit Polyamorie wussten, war, dass wir hier unsere eigenen Regeln aufstellen. „Die eigenen Regeln aufstellen“ klingt nach Freiheit und Selbstbestimmung, aber auch nach jede Menge Platz zum Scheitern. Schließlich bringt jeder Mensch ganz eigene Schwächen in eine Beziehung ein – Wunden, die geleckt werden müssen und blinde Flecken, die vielleicht immer außerhalb des eigenen Fokus bleiben. Als Neuling im Poly-Thema waren mir daher klare Grenzen und Regeln enorm wichtig. Ich beharrte darauf, die Nummer Eins sein zu wollen und konnte zwar den Gedanken ertragen, dass mein Partner mit anderen Leuten schläft, aber nicht, dass er sich auch in sie verliebt.

Nun weiß ich mittlerweile, dass Gefühle für den einen Menschen die für einen anderen nicht mindern. Zu oft habe ich in der Zwischenzeit mit klopfendem Herzen vor jemandem gestanden, der nicht mein Partner war, und bin trotzdem vor Liebe erfüllt abends mit eben jenem ins gemeinsame Bett gestiegen. Aber was weiß denn ein gefühliges Herz, wenn es Verlustängste spürt! Es hat manchmal den Anschein, Polys vögelten sich wild durch alle Betten und können sich nicht für eine*n Partner*in entscheiden. Doch auch unter ihnen hat ein wahrscheinlich ähnlich großer Prozentsatz wie unter Monogamen den Wunsch nach Verlässlichkeit und Bindung. Diese sah ich damals in Gefahr.

(CCO) Grégoire Jeanneau/Unsplash.com

Darum kommt hier eine altbekannte Wahrheit, die nicht nur für polyamore Beziehungen, sondern für alle gilt: Kommunikation ist alles. Damit’s nicht so langweilig wird, hier noch eine zweite: Einmal sagen reicht nicht.

Was war es, das ich sagen wollte, mit meinem Wunsch, die Nummer Eins sein zu wollen? Sonst wollte ich doch auch nie „nur eine Nummer sein“. Bei Konzerten mag ich es eigentlich am liebsten irgendwo in der Mitte bis hinten und plötzlich war es mir hier so wichtig, ganz vorne zu stehen? Was ich meinte, war wohl eher: „Zeig mir, dass ich dir trotzdem auf diese besondere Art wichtig bin, auf der ich dir bisher wichtig war. Gib mir das Gefühl, dass ich mich auf dich verlassen kann und du mich nicht einfach morgen schon verlässt.“

Vielleicht habe ich das nicht deutlich genug geäußert. Vielleicht hat er auch nicht besonders gut hingehört. Auf jeden Fall klang „ich will die Nummer Eins sein“ für ihn wohl sehr nach dem Ende aller Freiheit und Selbstbestimmung. Und als er sagte „ich kann mich nicht entscheiden, du kannst mir meine Liebe nicht vorschreiben“ und eigentlich vielleicht meinte „ich liebe dich so und sie auf eine andere Art“, war für mich die einzig mögliche Schlussfolgerung, dass Polyamorie ein richtig beschissenes Konzept ist und ich niemals mehr auf so einen bekloppten Gedanken kommen würde, so etwas zu tun. Spoiler: Ich habe es doch.

Wie kann das funktionieren?

  1. Bedürfnisse artikulieren

Steig nicht gleich mit Forderungen ein! Wer will schon gern an den Kopf geknallt bekommen, was man zu tun oder zu lassen hat? Sag lieber, was dein Bedürfnis ist. Sag „ich brauche Verbindlichkeit“, nicht „du sollst sie nicht mehr sehen“.

  1. Genau zuhören und die andere Person ernst nehmen

Hör genau zu. Frag nach, wenn du nicht genau verstehst, was das Problem ist. Bleib offen. Frag noch ein zweites Mal nach. Wiederhole das, was du verstanden hast, um sicherzugehen, dass ihr beide das Gleiche meint. Nimm die Bedürfnisse der anderen Person ernst, auch wenn du es selbst anders empfindest. Selbst wenn du denkst, du zeigst ihr genug, dass sie dir wichtig ist, gehe davon aus, dass ihre Gefühle trotzdem wahr sind. Nimm dein Gegenüber und dessen Bedürfnisse ganz und gar wichtig.

  1. Verhandeln

Manchmal passen Bedürfnisse nicht besonders gut zusammen. Der eine mag mehr Nähe, die andere mehr Freiraum und schon steckt man in einer eigentlich unmöglichen Situation. Wenn aber beide Seiten geschafft haben, ihre Bedürfnisse zu benennen und die der anderen Seite zu hören, ist der nächste Schritt gar nicht mehr so schwer. Nun geht es daran, herauszufinden, wie man mit diesen Bedürfnissen umgehen kann. Das kann, je nach Temperament, Züge von Preisverhandlungen auf dem Basar oder einem Gerichtstermin annehmen und klingt tierisch unsexy. Aber es hilft.

Mir hätte damals vielleicht geholfen, öfter gesagt zu bekommen, wie wichtig ich für ihn bin. Mit Worten, weil ich Worte mag. Öfter als er es für nötig befunden hätte wahrscheinlich, aber er hätte es tun können, damit mein Bedürfnis befriedigt ist. Einer anderen wären vielleicht wöchentliche Date-Nights passender erschienen. Wieder ein anderer hätte vielleicht öfter die andere involvierte Person treffen sollen – viele Leute, viele Lösungen.

(CO) Guillermo Nolesco/Unsplash.com

Das klingt ein wenig, als müsste man sich verstellen, um es der anderen Person recht zu machen. Tatsächlich ist es aber doch sowieso so, dass wir in Beziehungen Dinge tun, die wir sonst nicht tun würden, um der anderen Person etwas Gutes zu tun. Morgens Brötchen holen, obwohl es regnet, zum Beispiel. Das Gleiche können wir auch auf der Bedürfnisebene tun – manchmal muss man vielleicht einen Schritt aufeinander zu machen. Es versteht sich hoffentlich von selbst, dass das ein gegenseitiger Akt ist und nur dann gleichberechtigt funktioniert, wenn beide dazu bereit sind.

Habt ihr Schritt 1 bis 3 durchlaufen, heißt das nun aber nicht, dass eure Beziehung auf alle Ewigkeit den so aufgestellten Verhandlungsergebnissen gehorchen muss. Deswegen ist es wichtig, immer wieder durch diesen Prozess zu gehen. In einem meiner Lieblings-Poly-Podcasts, Polyamory Weekly, nennen sie das „Relationship Check-In“. Leute, die Rituale mögen, können das in ihrem monatlichen Date in der Lieblingsbar tun. Aber auch solche, denen zu starke Planung ein Graus ist, sollten dran denken, immer mal wieder zu schauen, ob es allen Beteiligten gut geht.

Ich habe diesen Text angefangen, weil ich über Verbindlichkeit schreiben wollte. Während ich ihn schrieb, wurde mir klar, dass der Mangel an Verbindlichkeit nur ein spezifisches Problem in einer spezifischen Beziehung war. Eigentlich geht es nämlich um Kommunikation. Immer. Und immer wieder. Das, schließlich, ist keine Sache, die nur Polyamore etwas angeht.

(CCO) Rita Morais/Unsplash.com

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Fritzi
Fritzi lebt mit ihrem sprechenden Schal und einer Handvoll schräger Vögel zusammen. Sie zeichnet und schreibt über Wohnen, Leben und nicht-monogame Beziehungen.

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