Wie funktioniert eine Ehe auf Weltreise?

Heiraten? Heute noch? Haben die einen Knall? Wie stockkonservativ müssen die denn bitte sein? Das hat doch nur steuerliche Gründe! Und dann auch noch ins Ausland? Das kann nur schief gehen! Von wegen. Heiraten ist wie Magie – oder jedenfalls das Magischste, was in deutschen Ämtern möglich ist.

Bill Murray hat einmal etwas sehr Bedenkenswertes gesagt: Er empfehle jungen Paaren vor ihrer Heirat, eine lange gemeinsame Reise zu machen. Sofern die Beziehung am Ende der Reise noch bestehe, so Murray, könne dann auch über eine Eheschließung nachgedacht werden. Nun ja. Es ist nicht der erste gute Rat, auf den wir nicht gehört haben in unserem Leben, aber definitiv der erste von Bill Murray.

Bevor wir nach Südostasien auf unsere Weltreise aufgebrochen sind, haben wir also spontan geheiratet – das heißt, so spontan, wie das eben geht in Deutschland. Da uns eine Heirat mit Elefanten und minderjährigen Blumenmädchen auf Bali aus tierrechtlichen und kinderarbeitstechnischen Gründen moralisch verwerflich vorkam – vom Preis gar nicht zu reden – entschieden wir uns für den deutschen Verwaltungsakt, der am nächsten an Magie herankommt: die standesamtliche Trauung. Zwei Menschen betreten einen Raum, sprechen je einen kurzen Satz, schreiben ihre Namen nieder und mit der Unterschrift der Standesbeamteten verwandelt sich ein Name in einen anderen. Wir können uns beim Finanzamt nicht die Taschen vollwünschen oder bei der Gesundheitsbehörde grüne Haare bekommen, aber es besteht in Deutschland und anderswo in der Welt die Chance, mit einem neuen Namen ganz von vorn anzufangen.

(CCO) Désirée Fawn/Unsplash.com

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Heiraten (nicht so) leicht gemacht

Aber da beginnen ja schon die Probleme: Erst einmal gibt es die schöne neue Welt der Ehe ja nicht für alle. Gehen wir aber einmal davon aus, dass uns Deutschland tatsächlich erlaubt, unsere Liebe auf beständige Weise auszudrücken. Bei uns war das der Fall, aber unser Traum von der heimlichen Hochzeit um Mitternacht am nächsten Tag kollidierte nicht nur mit den Dienstplänen des Standesamtes, sondern auch mit der schlichten Tatsache, dass wir schon länger auf unseren Termin für die Anmeldung der Trauung warten mussten als auf den für die eigentliche Eheschließung. Kurzum es war zu viel Zeit, um es heimlich mit der Oma und zwei Freunden durchzuziehen, aber viel zu wenig, um eine Märchenhochzeit daraus zu machen. Am Ende hatten wir also eine Art Indiefilmhochzeit: kaum Budget, eine irgendwie schräge Story mit zwei verschrobenen Schauspielern, die wir doch alle irgendwo schon mal gesehen haben und leicht verwackelten Bildern, dafür aber mit extrem guten Besucherzahlen im Verhältnis zum Aufwand.

Dann standen wir plötzlich verheiratet da, zum Beweis einige Handyfotos und eine Urkunde in dreifacher Ausfertigung, hier bitteschön, herzlichen Dank. Und gleich kam von Umstehenden die Frage: Fühlt sich verheiratet sein anders an?

(CCO) Sweet Ice Cream Photography/Unsplash.com

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Die Teilnehmenden des hier beschriebenen Versuches können das nicht bestätigen. Es fühlt sich sogar erschreckend identisch an im Vergleich zu vorher. Ständig vergesse ich, meine Frau – die beste Ehefrau von allen – mit dem richtigen Namen anzusprechen, meinem eigenen Familienamen, wie peinlich – während sie vergisst, mit ihrem neuen Namen zu unterschreiben. Wir leiden sozusagen an staatlich verursachter Amnesie. Dabei ist der neue, gemeinsame Familienname die größte Änderung, die eine Heirat mit sich bringen kann. In einer Sekunde verwandeln sich zwei Individuen in eine.

Josi und ich waren pragmatisch und haben den unserer Meinung nach schöneren und gemeinsam mit unseren Vornamen auch schöner klingenden Nachnamen gewählt: Bernstein. Dass wir uns dabei zusammen auch für Josis Namen hätten entscheiden können, empfanden wir als Erleichterung. Es ist doch auch gemein, dass Männer über Jahrhunderte hin gezwungen waren, weiterhin „von Hodenberg“ zu heißen, während ihre Frauen all ihre elfischen Familienbezeichnungen in die Aussteuertonne kloppen konnten. Ich warte noch auf die Möglichkeit, bei amtlich erwiesener Gruseligkeit beider Nachnamen einen völlig neuen Namen für beide wählen zu können. Aber dass das im Moment zu anarchistisch für deutsche Standesämter ist – okay.

Als Familie fühlt es sich tatsächlich anders an, wenn alle denselben Nachnamen tragen. Lola hatte schon vor unserer Heirat meinen Nachnamen bekommen, weil wir Fragen, ob ich denn mit anderem Nachnamen wirklich der Vater sei, aus dem Weg gehen wollten. Jetzt spiegelt sich die familiäre Einheit auch in unserem Namen wieder. Aber reicht das schon als Grund, um sich zu trauen?

Bis dass der Tod euch scheidet – Motivationen fürs Heiraten

(CCO) Scott Webb/Unsplash.com

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Anders, als beispielsweise in den USA, ist es in Deutschland glücklicherweise nicht so, dass die eigene Partnerschaft kaum mehr ist als eine WG, solange keine Eheurkunde dahintersteht. Wie unschön es sich anfühlen kann, auch nach Jahren der festen, aber eben unverheirateten Beziehung beständig als Paar hinterfragt zu werden, davon erzählt die neue Staffel der „Gilmore Girls“. Lorelai und Luke werden auch nach neun Jahren noch von ihrer Mutter Emily Gilmore als „Roommates“ bezeichnet, verbunden mit der vergifteten Frage: „Was bringt euch denn durch eure Krisen, wenn ihr keine Ehe habt, die euch trägt?“

Die Ehe als Sicherheitsleine jeder Beziehung ist vermutlich nicht der erste Gedanke, auf den junge Paare heute kommen. Viel wahrscheinlicher wünschen sie sich, dass die Person, mit der sie ihr Leben verbringen, auch dann an ihrer Seite sein kann, wenn schwere gesundheitliche Probleme auftreten. Mit einer Heirat wird der bisherige „Roommate“ zum engsten Verwandten, noch vor den Eltern. Das war eine Erkenntnis, die uns erst kürzlich richtig erreicht hat und die tatsächlich einen Unterschied zu der Zeit vor unserer Hochzeit macht. Glücklich waren wir auch ohne Trauschein, aber jetzt haben wir uns in die Obhut des jeweils anderen gegeben und sind damit in eine neue Lebensphase eingetreten. Wir sind für einander verantwortlich und wir stehen uns damit in einer Form nahe, die für uns besonders ist. Was also in den kirchlichen Worten „Bis dass der Tod euch scheidet“ so unheimlich daherkommt, ist eigentlich die gegenseitige Versicherung, dass wir uns auf unseren Partner unser Leben lang verlassen können. Ein weiterer Grund war für uns die Sicherheit, auf Reisen immer ein gemeinsames Zimmer nehmen zu können, doch dazu gleich mehr.

Für viele andere Menschen in Deutschland ist sicherlich die günstige Steuerklasse, die die Ehe protektioniert, ein wichtiger, wenn auch aus meiner Sicht trauriger Grund zum Heiraten. Wie mürbe muss denn der Glaube an die Zukunftsfähigkeit der eigenen Gesellschaft sein, wenn die Regierung die Leute per Steuererleichterung dazu zwingen will, lange in stabilen Bindungen zu verharren? Es gibt also bessere und schlechtere Gründe fürs Heiraten und relativ viele Vorurteile von Leuten, die es nicht oder vor sehr langer Zeit gemacht haben. Darin gleicht die Heirat sehr dem Kinderkriegen – das machen auch nicht mehr alle, aber alle haben irgendwie Ahnung, wie das zu laufen hätte.

Ein gutes Team

(CCO) Saad/Unsplash.com

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Sobald die Leute ihre besorgten Fragen über den Ablauf unserer Trauung losgeworden sind, kommen meist die Bedenken über unsere Weltreise: Wie funktioniert eine Beziehung, noch dazu eine Ehe, die permanenter Veränderung ausgesetzt ist? Fehlen da nicht Beständigkeit und Rituale?

Das Ritual ist die in schönes Geschenkpapier eingeschlagene Luxusausgabe der Routine. Je länger wir Rituale nutzen, desto hässlicher werden sie und sollten ersetzt werden. Kaum etwas ist besser dafür geeignet als eine lange Reise zu verschiedenen Orten. Um nicht falsch verstanden zu werden: Rituale sind etwas sehr Wertvolles und Hilfreiches. Sie müssen aber regelmäßig auf den inneren Prüfstand, damit wir nicht verknöchern. Unsere Beständigkeit finden wir in unserer Partnerschaft ebenso wie in dem stetigen Wandel, der unsere Reise ist. Selbst andauernde Ortswechsel fühlen sich nach ein paar Monaten doch sehr alltäglich an.

Beziehungs- und Eheprobleme lösen da ganz andere Aspekte unseres Trips aus. Wir streiten uns nie darüber, wer seine Socken im Wohnzimmer liegen gelassen hat (wir haben kein Wohnzimmer und es ist zu heiß für Socken), aber dafür darüber, wer den nächsten Flug bucht und das übernächste Zimmer reserviert. Wir haben kein schmutziges Geschirr, geben unsere Wäsche ab und haben keine externen Deadlines, die wir einhalten müssen. Dafür müssen wir ständig planen – wo wir sein wollen, wer wir sein wollen und wie wir dort hinkommen. Wir müssen auch herausfinden, wie wir gemeinsam leben wollen und wie wir ein gutes Team sein können.

(CCO) Ben Rosetta/Unsplash.com

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Keine Privatsphäre, keine Zeit zu zweit – Pärchenprobleme auf Weltreise

Umstände, die unser junges Glück weitaus mehr belastet haben, als der stete Ortswechsel, waren die mangelnde Privatsphäre und die Schwierigkeit, Zeit zu zweit zu finden. Keine Zeit zu zweit zu haben – oder wenig davon – ist nicht das Symptom einer Weltreise oder gar einer Ehe, sondern ein möglicher Umstand, der bei der Entscheidung für ein Kind mit berücksichtigt werden muss.

Keine Privatsphäre zu haben ist da schon schwerwiegender. Wer mit wenig Geld um die Welt reist, hat meistens nicht genug Einkommen oder Kaufkraft, um sich ein Apartment mit zwei Zimmern zu leisten, sodass bei Streit entweder nur die Terrasse oder ein langer Spaziergang bleibt. Aber wiederum: Das wird euch in jeder möglichen Reisekombination passieren, mit Freund*innen, Liebhabern oder insbesondere der werten Familie. Der Ehe können wir da wirklich keine Schuld geben. Wenn sich nun aber das Verheiratet-Sein nicht so anders anfühlt als vorher noch bei den genannten Problemen eine Hilfe war – wo hat es uns wirklich auf unserer Weltreise geholfen?

Was uns unterwegs geholfen hat

Eine funktionierende Beziehung ist konstante Arbeit. Praktischerweise haben wir auf unserer Reise viele Gelegenheiten, um an unserer Beziehung zu arbeiten. Wir verbringen mehr und sehr viel intensive Zeit miteinander. Wir müssen uns absolut aufeinander verlassen können und einander vertrauen und sehen uns dabei gegenseitig permanent über uns hinauswachsen. Es tut gut, regelmäßig voneinander beeindruckt zu

Wir haben das Gefühl, dass wir seit unserem Aufbruch extrem als Paar zusammengewachsen sind. Die Gefahr in Beziehungen, insbesondere der Ehe, ist, sich voneinander zu entfernen, während unsere Reise uns die Chance gibt, uns gemeinsam weiterzuentwickeln. Auf der anderen Seite gibt es wenig Privatsphäre und Freiraum, sodass Krisen immer sofort ausdiskutiert werden – egal, ob das jetzt gut ist oder nicht. Unser Abenteuer ist praktisch ein Katalysator für alle Aspekte einer Ehe. Wir erleben alles intensiver – was ja gut ist, da wir uns lieben.

(CCO) Philipp Schreyer/Stocksnap.io

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In konservativeren Orten oder Ländern wie beispielsweise Indien ist es zudem sicherlich hilfreich bis notwendig, als Paar mit Kind verheiratet zu sein und denselben Nachnamen vorweisen zu können. Für Josi hat es sich insbesondere gut angefühlt, nun genauso zu heißen wie unsere Tochter. Ansonsten ist die Auswirkung der Ehe auf unsere Weltreise gering, und das ist auch gut so.

Viel stärker als unser relativ spontan erworbener Trauschein wiegt die Tatsache, dass wir ein gemeinsames Kind haben. Unsere Tochter hat uns Türen auf unserer Reise geöffnet, die uns anderenfalls verschlossen geblieben wären und uns damit zu anderen Menschen werden lassen. Auf unseren Wegen durch Südostasien sind wir letztlich auch nach Bali gekommen – um dort dann Freund*innen bei spontan anberaumten Hochzeitsplanungen zusehen zu können. Wir aber sind glücklich über den Weg, den wir gegangen sind, auch wenn er sicherlich nicht als Blaupause für viele taugt.

Wir werden, sobald wir uns das leisten können, eine von langer Hand geplante zweite Zeremonie in die Wege leiten, zu der wir alle einladen, die Freude in unser Leben bringen. Dann wird es auch bessere Fotos geben als unsere Handyaufnahmen. Bis dahin haben wir die Bilder von unserer Weltreise – dem wohl längsten Honeymoon aller Zeiten.

Titelbild: (CCO) Anne Edgar/Unsplash.com

Backpack Baby
Wir haben all unseren Mut eingepackt und sind dabei herauszufinden wer wir sind und wie wir als Familie leben wollen. Wir drei sind für ein Jahr in Südostasien unterwegs – auf Forschungsreise zu uns selbst.

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