Poly-Kolumne Teil 4 – Vom aufregenden Anfang

Polyamore lieben mehr als einen Partner. Oder besser gesagt, sie behalten sich vor, mehr als einen Partner lieben zu können. Das führt hier und da zu seltsamen Begegnungen, für die weder der Knigge noch die lieben Eltern einen vernünftigen Rat anbieten können. In unserer Polykolumne berichten daher drei Polyamore anonym über ihre Erfahrungen und das Leben und Lieben mit mehr als zwei Beteiligten.

Vom aufregenden Anfang

Mein erstes Date als Poly war mit fünf Leuten. „Siehste, die machen doch die ganze Zeit Orgien!“, denkst du jetzt und könntest falscher nicht liegen. Eine Frau hatte mich auf der Datingplattform OKCupid angeschrieben, mir Komplimente für meine süßen Lachfältchen gemacht und mich zu einem Abendessen eingeladen. OKCupid ist bei Polys und Queers, die nicht ausschließlich homosexuell begehren, aufgrund seiner zahlreichen Wahlmöglichkeiten an Beziehungs- und Begehrensformen beliebt. Für den Anfang fand ich das super. Erstens: Eine attraktive Frau lädt mich zum Essen ein. Zweitens: Lachfältchen sind, hier – seit mir bewusst wurde, dass mein Körper sterblich ist – das Ziel, auf das ich hinarbeite. Drittens: wie aufregend! Ein Date mit fünf Menschen, die bestimmt alle poly sind und mit denen ich mich endlich über diese aufregende neue Beziehungssache austauschen kann.

Der Abend beginnt ganz gut. Ich kann einigermaßen verbergen, wie nervös ich bin ob der Tatsache, dass ich mit Abstand die Jüngste bin. Keinem*r fällt auf, dass ich bei der Angabe meines Standortes geschummelt habe und deswegen nichts zum Gespräch zum Thema „Auf welchem Wochenmarkt kaufst du am liebsten deine Bio-Brunnenkresse?“ beitragen kann. Eine Frau zwinkert mir beim Zwiebelschneiden zu – wegen meiner süßen Lachfältchen, denke ich. Rückwirkend betrachet, waren es vielleicht eher die Zwiebeln. Ein Mann mittleren Alters versucht, mich mit der Gruyere-Walnuss-Salatsoße zu füttern und erzählt mir nebenbei von seinen Kindern, die gerade am Ende ihres Studiums sind. Ich nehme ihm den Löffel aus der Hand, teste und finde die Soße sehr lecker. Die Erotik ist allerdings dahin. Ab da wird dieser Abend mein ganz persönlicher Autounfall, von dem ich nicht wegsehen kann.

Ich wundere mich über die Gesprächsthemen: Was guten Rotwein ausmacht und der Unterschied zwischen der israelischen und der syrischen Küche und in welchem Land die Menschen gastfreundlicher sind, obwohl es da so furchtbar gefährlich ist und worauf man bei der Wahl von Hotels in Lateinamerika achten sollte. Ich finde das so bieder und hoffe, dass ich nie so werde. Noch viel mehr aber wundert mich der Umstand, dass niemand darüber spricht, warum wir hier sind. Wurden wir nicht alle über eine Dating-App zusammen gebracht? Wollen wir nicht alle hier irgendwie – na ja, öh – Sex? Liebe? Fummeln? Irgendwas? Und warum redet hier niemand über seine*ihre Beziehungsformen? Ich will doch wissen, wie die das machen! Wie denkt ihr darüber? Wie habt ihr das angefangen? Wie sagt ihr’s Freund*innen? Wie sind eure Dating-Erfahrungen? Hattet ihr schon mal einen Dreier? Erzählt doch mal!

Völlig empört erzählte ich das später einem Bekannten, der schon seit zehn Jahren – also immer, wie er sagt – poly lebt und er lacht herzlich. Das sei so eine Sache von frischen Polys, die wollen alle immer darüber reden und sich darüber austauschen. „Irgendwann findest du das auch langweilig, weil es normal für dich geworden ist“, meint er. „Was? Nein!“, protestiere ich. „Das ist doch super spannend das Thema, wie könnte einem da jemals die Redelust vergehen? Ich finde das so interessant, wie andere Leute das machen! Ich kenne ja kaum Leute, die so leben!“ Heute muss ich manchmal schmunzeln, wenn mich auf OKCupid mal wieder jemand anschreibt: „Hey, meine Freundin und ich leben auch in einer offenen Beziehung und ich wollte mal wissen, wie ihr das so macht. Bisschen Erfahrungen austauschen.“ Ich rede immer noch gerne darüber, weil ich einfach gerne über Beziehungen rede. Ich finde selbstverständlich auch den Austausch darüber wichtig, sonst würde ich nicht hier sitzen und Teil dieses Kolumnen-Kollektivs sein. Aber ich verstehe jetzt, dass eine Gruppe Erwachsener – und damit meine ich offensichtlich Menschen über 30 –, die einen spannenden Beruf ausüben und Hobbies und eine Leidenschaft für guten Rotwein haben, gut auch mal einen Abend miteinander verbringen können, ohne über Sex oder Beziehungen zu sprechen.

Wegen des Autounfall-Effekts bin ich dann auch eiskalt bis zum Ende geblieben. Ich wollte wissen, ob doch noch jemand geküsst wird, über Nacht bleibt oder wenigsten seine*ihre Handynummer da lässt. Dergleichen ist nicht passiert. Und mich hat danach auch niemand mehr von ihnen angeschrieben, Lachfältchen hin oder her.

Titelbild: (CCO) Unsplash/pixabay.com

 

Octopolly
Octopolly ist ein Kollektivwesen, das mit drei Armpaaren über unterschiedliche Dinge aus dem bunten Spektrum von Poly-Beziehungen schreibt. Mit dem vierten isst es Kuchen.

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