Körper und Sprache

Ich bin ein Puzzle. Manchmal fühlt sich das komisch an, aber ich glaube, dass die meisten von uns Puzzle sind. Wir fühlen uns zusammengesetzt aus ganz verschiedenem Wissen, verschiedenen Ideen, Plänen und Gedanken.  In meinem Puzzle gibt es viele Wörter, Bücher und Körper, die sich bewegen, die tanzen. Körper, die alles über sich wissen, Körper im Stillstand und Ideen. Wenn ich Stücke entwickle, dann zumeist mit Menschen, die einen großen Erfahrungsschatz mitbringen, weil sie als Tänzer*innen, Performer*innen oder Schauspieler*innen die eigenen Körpergrenzen kennen und einzuschätzen wissen. Daraus mache ich dann hin und wieder ein Stück oder einen Text. So geht meine Kunst.

Wenn ich mit anderen Menschen arbeite, dann möchte ich an ihren Puzzlen arbeiten. Ich möchte die vielen verschiedenen Teile – die Gedanken, Wörter und Körper – finden, die ihnen helfen, ihren Schaffensprozess zu steuern, die diesen umwerfen oder alles neu sortieren.

Vor ein paar Jahren bin ich mit einem Projekt an ein Kinder- und Jugendtheater gegangen und sagte zu den Verantwortlichen: „Ich würde gern mit Leuten arbeiten, die um die 18 Jahre alt sind. Könnt ihr mir helfen, interessierte Jugendliche zu finden?“ „Ja”, sagten sie, „aber uns wäre es lieber, du würdest mit einer Gruppe unserer Sechsjährigen arbeiten.“

Sechsjährige?! Geplant war eine Performance über den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. War das mit so jungen Kindern überhaupt möglich? Ich hatte plötzlich eine Gruppe Kinder vor Augen, die lieber Löwen oder Flugzeuge sein wollten, als mit mir an einem so „langweiligen“ Thema zu arbeiten.

(CC0) elementus/Pixabay.com

(CC0) elementus/Pixabay.com

So war das nun also. Nach dem ersten Treffen musste ich erst einmal einen Kriegsrat mit mir selbst in meinem Neunquadratmeter-Zimmer halten: Ja! – Nein. – Ja. – Nein! – Ok. – Warum?! – Herausforderung! – Ne, echt nicht. – Doch. – Ok. Das war also geklärt.

Dann plante ich den Unterricht mit Hilfe von Bergen theaterpädagogischer Lektüre und verschiedenen Fassungen von Frau Holle. Dann hörte ich auf. So wollte ich das nicht machen. Ich wollte lieber erreichen, dass die Kinder etwas spüren: ihre Gedanken, ihre Körper, ihre Grenzen. Ich mache Performance, DAS ist mein Beruf und das würde ich auch mit dieser ungewöhnlichen Gruppe tun. Keine Frau Holle und niemand sollte gezwungen werden, einen Baum zu spielen. Das, was zwischen Wort und Körper passiert, das interessiert mich in meiner Arbeit und dieses neue Projekt, das war Arbeit, unabhängig vom Alter meiner Teilnehmer*innen.

In der nächsten Woche trafen wir uns also wieder. „Weiß jemand, was Performance ist?“, fragte ich in den Raum. Keiner meldete sich. Dann doch eine Hand: „Kannst du das erklären?“. Plötzlich sackte mir das Herz in die Hose: Jetzt brauchte ich eine Antwort, die kurz und verständlich war und in der Lehmann, Butler und Fischer-Lichte nicht vorkämen. Ich überlegte kurz. „Wie Theater in echt?!“ In den Gesichtern sah ich allgemeine Zustimmung. „Und ohne Text, … also manchmal“. Das gefiel ihnen deutlich weniger. Ich sah einige notwendige Kompromisse auf mich zurollen. Aber wir fingen trotzdem an.

Während des Prozesses gab es eine einzige Regel: Wir sind eine Gruppe – ein Kollektiv – wir müssen das zusammen schaffen und lösen alle Probleme gemeinsam. Wir müssen uns helfen.

Mit der Gruppe ohne weitere Regeln zu arbeiten, bot natürlich streckenweise Herausforderungen. Genauso wie verständlich zu machen, dass sich auch Momente ohne Kostüme und ohne Text auf einer Bühne lohnen würden.  Schlussendlich haben wir eine Performance zu Zuschreibungen und Vorurteilen erarbeitet. Dabei waren es nicht die Kinder, die einer konzeptuellen Entwicklung im Wege standen, sondern meine eigenen Vorurteile und Vorstellungen, dass ich mit Menschen dieses Alters keine Arbeit zu einem so komplexen Thema entwickeln könnte.

Titelbild: (CCO) Ron S/Unsplash.com

Anne Pretzsch
Anne arbeitet als freie Dramaturgin und Performerin und leitet fünf Performancegruppen für junge Menschen am Theater Zeppelin und am Theaterdeck in Hambrug. In ihrer Arbeit sucht sie nach der Verbindung zwischen Text und Körper, den Schnittstellen des gegenseitigen Einflusses und der Wirkung des einzelnen Körpers und Wortes auf gesellschaftliche Kontexte.

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