Die Poly-Kolumne Teil 3 – Die quälende Frage

Polyamore lieben mehr als einen Partner. Oder besser gesagt, sie behalten sich vor, mehr als einen Partner lieben zu können. Das führt hier und da zu seltsamen Begegnungen, für die weder der Knigge noch die lieben Eltern einen vernünftigen Rat anbieten können. In unserer Polykolumne berichten daher drei Polyamore anonym über ihre Erfahrungen und das Leben und Lieben mit mehr als zwei Beteiligten.

Die quälende Frage

Ein leichtes Kribbeln, Anziehung und Spannung in der Luft – ein Gefühl von Bewunderung und Verlangen. Es ist diese aufgeladene und seltene Mischung, wenn man einem tollen Menschen begegnet. Mit einer offenen Einstellung zu Liebe und Beziehung, kann ich diesen Momenten nachgehen oder sie einfach genießen und vergehen lassen.

Ähnlich erging es mir kürzlich bei einer Schauspielerin, die ich kennenlernen durfte. Ihre Bühnenpräsenz und ihre Ausstrahlung haben mich umgehauen. Kein Wunder, dass der Drang groß war, den Menschen hinter dieser Bühnenfigur kennenzulernen. Was mir letztlich mit etwas Glück und Hilfe von Freunden auch gelang. Unser erstes Treffen war – um es kurz zu fassen – wunderschön.

(CC0) Tim Wright/Stocksnap.io

(CC0) Tim Wright/Stocksnap.io

Es ist bereits das vierte Mal, das wir uns sehen, als ich merke, wie ich nicht mehr entspannt sein kann. Wir kochen gemeinsam, unterhalten uns nett und tauschen den einen oder anderen tiefen Blick aus. Es ist alles offen.

… und genau in diesem Moment tauchen die quälenden Fragen in mir auf.

Es sind Fragen, die ich mir als polyamorer Mensch eigentlich nicht stellen möchte und die beim Kennenlernen eines Menschen keine Rolle spielen sollten: Wann, wie und wo soll ich mit ihr darüber sprechen, wie ich liebe und Beziehungen führe? Ist das überhaupt wichtig? Bin ich nicht so wie ich bin authentisch?

Dabei weiß ich doch noch gar nicht, wie es weitergeht, nur, dass ich diese Frau spannend finde und sie als Mensch kennenlernen möchte. Woher soll ich wissen, ob daraus vielleicht mehr werden könnte?

… und schon ist das erste schöne Gefühl plötzlich futsch.

Irgendwie haben wir es bisher geschafft, nicht über Beziehungen und Liebe zu sprechen, obwohl ich gerne diese Gelegenheiten nutze, um nicht mit der Tür ins Haus zu fallen. Ich nehme allen Mut zusammen und versuche, möglichst entspannt das Thema in diese Richtung zu lenken.

(CC0) Hector Argüello Canals/Stocksnap.io

(CC0) Hector Argüello Canals/Stocksnap.io

„Wir haben noch gar nicht über Beziehungen gesprochen werfe ich neugierig in den Raum.

„Ja das stimmt meint sie vorsichtig. Ich frage, ob ihr unser gemeinsamer Freund davon erzählt hat, wie ich so lebe. „Nein. Warum? Was hätte er denn erzählen sollen? fragt sie mit einem vorsichtigen, aber auch neugierigen Ton.

„Mist!“ denke ich. Ich hatte gehofft, dass sie bereits eine Ahnung davon hat, dass ich ein bisschen offener bin, als die meisten Menschen. Dabei fühlt es sich so selbstverständlich und normal für mich an und ich möchte eigentlich gar nicht sagen müssen: „Hey, du, ich bin anders, lebe polyamor und bin ein offener Mensch der auch mal mehr als eine Person lieben kann.“

Am Ende bin ich ein normaler Mensch, der gerne liebt, Nähe mit Menschen teilt und das kann auch mal nur mit einer Person sein. Ich mache mir aber viele Gedanken und glaube, dass Liebe kein Besitz ist, kein Zustand der natürlicherweise etwas mit einer Person zu tun hat.

Klar mag es Vorteile haben, monogam zu leben. Es kann praktisch sein, das Gefühl von Sicherheit zu haben. Meine Beziehungen haben für mich aber die gleiche Verbindlichkeit und Sicherheit. Ich bin ehrlich und transparent in meinen Beziehungen. Das ist für mich die Voraussetzung von Vertrauen und jeder Form des menschlichen Miteinanders.

… und sie sagt nur: „Damit bin ich durch. Das ist nichts für mich!

Alles vorbei, bevor es angefangen hat. Genauso wie mir die Frage das kribbelnde Gefühl zerstört hat, ist bei ihr an diesem Moment Schluss. Ich merke, wie sie abschaltet und die Tür verschließt. Es tut richtig weh und ich ärgere mich – über mich selbst, die Situation und darüber, dass bei der schönsten Sache der Welt so viele gesellschaftliche Grenzen gezogen werden.

(CC0) Noah Siliman/Stocksnap.io

(CC0) Noah Siliman/Stocksnap.io

Am Ende ist es aber okay, wie es ist, selbst wenn wir die gleichen Bedürfnisse haben, brauchen wir eben Muster an die wir uns halten können, um nicht verletzt zu werden. Sie genauso wie ich. Ich habe Angst vor Besitzansprüchen. Ich habe Angst davor Menschen die mir etwas bedeuten gegenüber nicht der Mensch sein zu können, der ich nun einmal bin, auch wenn es für sie nicht immer nachvollziehbar ist.

Zuerst dachte ich, nächstes Mal sprichst du es nur an, wenn es von selbst aufkommt. Ich bin normal und deshalb muss ich das nicht als Etikett voranstellen. Aber sind wir ehrlich: Letztlich würde ich es wohl genauso wieder machen, denn wir sind alle Opfer unserer Sozialisierung und wenn meine Art zu lieben als unnormal gilt, werde ich wohl immer in der Situation sein, mein Leben erklären zu müssen.

Titelbild: (CCO) Unsplash/Pixabay.com

Octopolly
Octopolly ist ein Kollektivwesen, das mit drei Armpaaren über unterschiedliche Dinge aus dem bunten Spektrum von Poly-Beziehungen schreibt. Mit dem vierten isst es Kuchen.

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