Ein Leben auf Reisen – wie das Umziehen von einem Ort zum anderen meine Definition von Zuhause prägt

„Home is where the heart is…“ Wie oft habe ich diesen Spruch  ̶  wie oft hat wohl jeder diesen Spruch  ̶  schon gehört. Und jedes Mal wieder löst er unzählige Fragen in mir aus. Soll er mir positive Bestärkung geben, indem er mir suggeriert, dass ich an mehreren Orten zu Hause sein kann? Oder sagt er mir, dass es normal ist sich nirgendwo zu Hause zu fühlen? Was bedeutet das überhaupt, „zu Hause sein“, oder sich an einem bestimmten Ort „zu Hause zu fühlen“? Was braucht es, um ein solches Gefühl zu erschaffen? Ist es etwas, das im Außen liegt, oder ist es viel eher etwas, das ich mir selbst geben kann. Kann oder muss ich in mir zu Hause sein?

Für mich sind es wohl zwei unterschiedliche Dinge mit einem verbindenden Nenner. Ich habe das Problem, dass ich weder genau weiß, wie mensch sich für längere Zeit an einem Ort zu Hause fühlt, noch wie mensch es schaffen soll, sich in sich selbst zu Hause zu fühlen. Vielleicht bringt uns dieser kleine Text ein Stück näher an die Idee von Zuhause.

(CC0) Mike Birdy/Stocksnap.io

(CC0) Mike Birdy/Stocksnap.io

Ein Kind in der Karibik und ein Leben mit gepackten Koffern

Als Kind war ich so wütend, als meine Eltern mich im Alter von vier Jahren darüber informierten, dass wir von der Nord- an die Ostsee ziehen würden. Ich dachte wahrlich, es wäre das Ende meiner kleinen Welt. Heute weiß ich, dass ein einziger Umzug im Kindesalter wirklich nicht viel ist. Als meine Eltern zwei Jahre später beschlossen, mich noch nicht einzuschulen, sondern sich, mich und meinen jüngeren Bruder ein Jahr auf ein Segelschiff in der Karibik zu verfrachten, habe ich das nochmals als Verrat an meiner Selbst wahrgenommen, hatte ich doch gerade erst wieder neue Freunde gefunden. Wenn ich heute davon berichte, werde ich oft gefragt, ob es nicht unfassbar toll war mit sechs Jahren für ein Jahr auf einem Schiff in der Sonne zu segeln. Um ehrlich zu sein, damals war es einfach so und es war schwer Freunde zurückzulassen, auch wenn es in der Rückschau mit Sicherheit eine Bereicherung für mich kleinen Menschen war.

Mittlerweile bin ich 29 und habe so viel mehr Umzüge (14 insgesamt) und Reisen hinter mir. Die meisten habe ich alleine durchgezogen, ohne meine Familie. Die meisten davon wollte ich so, genau so und nicht anders machen. Ich war diejenige, die immer wieder gesagt hat: „Tschüss, ich muss irgendwie nochmal weiter“. Ja, natürlich fiel es mir schwer. Ich bin immer noch genauso schlecht im “Tschüss”-sagen, wie damals mit sechs. Ich glaube auch, dass mensch so etwas nicht lernt, weil zu viele Emotionen dahinter stehen. Aber mein Austauschsemester in der Highschool auf Maui, Hawaii, hat mir eine Hilfestellung mit an die Hand gegeben: Wenn mensch nicht genau weiß, wann es ein Wiedersehen geben wird, dann heißt es auf Maui einfach in jedem Fall “See you Friday!”. Wie wundervoll, einfach immer davon auszugehen, dass sich Wege wieder kreuzen und es dann so wunderschön sein wird, dass es ein Freitag sein muss, damit es ein Fest geben kann. Das lässt hoffen, das lässt vertrauen.

Wenn es keine Sicherheit gebt, musst du selbst dein Anker sein

(CC0) Andrew Neel/Stocksnap.io

(CC0) Andrew Neel/Stocksnap.io

Es hat mir genug Vertrauen gegeben, um nach der Schule trotz vier Jahren Beziehung mit einem Menschen, den ich ehrlich und aufrichtig geliebt habe, allein auf die andere Seite der Welt zu ziehen. Was mensch so macht: ein Jahr Work and Travel in Neuseeland.

Vertrauen hatte ich immer in die anderen Menschen, die schon irgendwie da sein und mich einen Teil ihres Weges mitgehen lassen würden. Vertrauen in mich selbst, hatte ich keines, aber das wusste ich damals noch nicht. Ich bekam es dafür oft genug zu spüren, denn wenn mensch weit weg vom Gewohnten ist, alleine wach wird und alleine schlafen geht (auch wenn der Tag vielleicht mit Menschen gefüllt ist), dann stellt sich schnell heraus, ob mensch sich selbst vertrauen kann. Wenn das der Fall ist, dann gibt es da einen Ankerpunkt, einen Punkt, der einen den schlimmsten Sturm wettern lässt. In den folgenden Jahren musste ich lernen, dass mir dieser oft fehlt, ein Inneres Zuhause.

Der fehlende Anker und Ruhepol hat immer wieder dazu geführt, dass ich mich von mir selbst abwand. Wenn es unbequem wurde, habe ich die Flucht nach vorne genutzt, um mich nicht mit meinem Gefühl des Zuhauselos-Seins beschäftigen zu müssen. So ist etwas wunderbares, aber auch sehr schwieriges entstanden: ein Leben – mein Leben –  in diversen Ländern.

Hauptsache weg und das so oft es geht

Leben, reisen, lieben, weiterziehen, unruhig werden, wenn es mehr als zwei Jahre in einer Stadt sind, voller Vorfreude Taschen und Rucksäcke packen, Container mit der Bahn verschicken und Distanz schaffen. Distanz fühlte sich immer richtiger an, als Nähe, ohne zu wissen, zu was ich Distanz schaffen musste.

Work and Travel wurde gefolgt vom Bachelor im Ausland und dann von einem Erasmus-Semester, und dem nächste eineinhalb-jährigen Aufenthalt beim Goethe-Institut in Budapest. Zwischendrin durften natürlich das Reisen nicht fehlen: Hawaii, Finnland, Russland, Frankreich, Portugal, England, Wales, Schottland, Skandinavien, Serbien, immer wieder Ungarn… Ah und Weihnachten will mensch sich vielleicht auch mal bei der Familie blicken lassen.

(CC0) Andrea Vincenzo Abbondanza/Unsplash.com

(CC0) Andrea Vincenzo Abbondanza/Unsplash.com

Ich war und bin umgeben von Menschen, die oft ein ähnlich bewegtes Leben führen und so wurde dieses bewegte Leben normal. Bis es dann plötzlich nicht mehr normal ist, weil es nicht mehr geht, weil die Batterien leer sind, weil der eigene Anker nicht mehr hält. Und das habe ich erfahren.

Nächstes Abenteuer: Innehalten

Nun habe ich mir Zeit genommen. Als ich aus meinem letzten Auslandsaufenthalt 2013 mal wieder nach Deutschland kam und die Entscheidung anstand, wo mein Master stattfinden soll, war für mich klar: Kopenhagen. Da gibt es einen Traumstudiengang, die Stadt hat mich schon immer gereizt und in Dänemark habe ich auch noch nicht gelebt. Wenn das nicht klappt, dann Amsterdam. Der Bachelor in den Niederlanden war so erfüllend, nur die Stadt sollte diesmal größer sein als Maastricht.

Und dann waren da Menschen an meiner Seite, die mich zum Teil seit meiner Einschulung begleiten. Menschen, die mich so erstaunlich gut kennen, mich so unfassbar lieb haben, die sich sorgen, die auf mich aufpassen, die mit mir Pferde stehlen, die mich aber auch kritisch zur Seite nehmen, wenn es nötig ist. Menschen, die mich damals voller Mitgefühl anschauten, weil es ihnen so klar war, dass mein unruhiges Herz weiter wollte, während der Rest von mir absolut verloren war. Eine langjährige Freundin gab mir schließlich sehr deutlich zu verstehen, dass es vielleicht Zeit wäre, sich mal wieder etwas näher an zu Hause niederzulassen. Ich wusste genau was sie meinte – zumindest in der Theorie. Was mir fehlte, war dieses Gefühl von Geborgenheit und ein Ort, wo ich einfach hätte sein können –  so wie ich das sehe, nennen diesen Ort viele Menschen Zuhause.

Ich habe mich 2013 schweren Herzens gegen Kopenhagen, gegen Amsterdam und für eine kleine Stadt in Deutschland entschieden. Um genauer zu sein: Ich habe mich gegen die sich so natürlich anfühlende Flucht und für eine Zeit nah bei vielen meiner Freude entschieden.

(CC0) Allef Vinicius/Stocksnap.io

(CC0) Allef Vinicius/Stocksnap.io

Die letzten zweieinhalb Jahre haben mir etwas Zeit gegeben. Ich konnte leere Batterien wieder aufladen, konnte mich zum ersten Mal umschauen, mich damit vertraut machen, dass mein unruhiges Wanderlust-Herz wohl mehrere Dinge in sich vereint und es für die Wanderlust eine Vielzahl von Gründen gibt. Ich habe die Zeit genossen und meine Jahre in diversen Ländern Revue passieren lassen und kam doch immer wieder zu derselben Frage zurück: Wo ist denn jetzt mein Zuhause?

Ohne Freunde wirst du nirgends glücklich sein

Als ich mich nach Monaten endlich wieder etwas mehr mit mir selbst angefreundet hatte – was zu großen Teilen möglich war durch die Freunde in meinem Leben, die immer da zu sein scheinen – habe ich gemerkt, dass auch und gerade sie die Basis für mich bilden um mich geborgen zu fühlen. Wenn ich sein kann, ohne mich zu erklären, wenn ich mich für nichts rechtfertigen muss, wenn ich keine Erwartungshaltung empfinde, wenn mir bedingungslose Liebe entgegengebracht wird, wenn sie mir Verständnis schenken für Dinge, die ich selbst nicht verstehe, dann entspannt sich der unruhige Geist, dann muss ich keine Distanz schaffen, denn dann bin ich ganz nah, nah bei ihnen und bei mir und dann greift der eigene Anker wieder.

Ich habe so viel Gutes auf all den Stationen kennengelernt, egal wo und wie weit oder nah ich dem Norden war. Seit August 2015 habe ich in Hamburg meine Zelte aufgeschlagen und das sind noch nicht allzu viele Monate, aber schon in dieser kurzen Zeit bin ich vier Mal umgezogen. Jetzt mag mensch sagen: “Dann such dir doch mal was für Länger!” Ja, könnte sein, dass ich das versuchen sollte, aber ganz so weit bin ich noch nicht und so nehme ich lieber immer mal wieder die Zwischenmiete und den erneuten Umzug in Kauf, als mich jetzt so richtig festzulegen. Inzwischen fühlt sich das nach einem guten Kompromiss an, nicht mehr wie eine pure Flucht. Natürlich schwingt manchmal etwas Sorge mit, wenn mensch so frei lebt. Der Wohnungsmarkt in Hamburg ist nicht gerade tiefenentspannt, aber auch hier habe ich gelernt, dass irgendwie immer was geht.

Die Erfahrung, dass gute Freunde dir auch spontan ein Zimmer in ihrer Wohnung oder gar ihre ganze Wohnung anbieten und das auch ganz ehrlich so meinen, war wohl ein weiterer Schritt, der mich ein Stück näher an ein Gefühl von Zuhause gebracht hat. Es hat mir gezeigt, dass ich nicht zur Last falle, sondern sie mich im Gegenteil gerne weiter in ihrer Nähe wissen wollen, selbst, wenn das heißt, dass sie mich temporär auf ihrer Couch beherbergen müssen. Das war ein erneuter Aha-Moment für mich, denn die Sorgen “zu viel zu sein” und zur Last zu fallen, sind die besten Motoren für Flucht. Ihnen wurde jetzt der Wind aus den Segeln genommen. Wie tief kann mensch fallen, wenn überall verteilt solche grandiosen Menschen sind, die mich unterstützen und die ein Sicherheitsnetz bilden? Nicht wirklich tief und schon gar nicht unendlich tief.

Neben den emotionalen Erkenntnissen über ein Gefühl von Geborgenheit und das eigene Zuhause hat mich das Umziehen auch gelehrt, weniger zu besitzen, Luxusproblem Nummer 26, I know. Aber ich kann ein solches Experiment nur empfehlen. Weniger kann unglaublich erleichtern. Und wer weiß, vielleicht geht‘s morgen ja auch weiter, weil das Gras auf der anderen Seite doch wieder grüner ist, da muss ja alles schnell gepackt sein.

(CC0) Sofia Sforza/Unsplash.com

(CC0) Sofia Sforza/Unsplash.com

Home is where the heart is?

Ich bin mir nicht sicher, aber wenn es so sein sollte, dann weiß ich, warum mir keine Stadt das Gefühl von Zuhause vermitteln kann: Mein Herz ist zerstreut. Ich habe das unfassbare Glück echte Freunde, wahre Liebe und aufrichtiges Vertrauen in jeder Stadt gefunden zu haben, in der ich je gewohnt habe. Oft nur eine, manchmal auch zwei Personen – was in Retroperspektive sehr viel ist. Somit sind mein Herz, und dann wohl auch mein Zuhause, an so vielen Orten, bei so vielen unfassbar faszinierenden Menschen.

Mein Leben wird wohl so schnell nicht zur Ruhe kommen, aber das ist (jetzt wieder) okay, denn ich habe oft Halt in mir selbst. Ich kann mich immer noch nicht gut mit dem Gedanken anfreunden, einen Plan für fünf, oder noch mehr Jahre zu machen, egal in welcher Stadt ich wohnen würde. Einerseits glaube ich, dass da auch etwas Zeitgeist mitschwingt, auf der anderen Seite habe ich gelernt, dass es wohl ähnlich wie mit der Liebe ist: Du kannst erst jemanden lieben, wenn du dich selbst liebst.

Für mich bedeutet dies, dass ich mich erst mit dem Konzept von einem langfristigen Zuhause auseinandersetzen kann, wenn ich mich in mir zu Hause fühle. Dafür brauche ich meine Freunde und das Vertrauen, mich in ihrem zu Hause fallen lassen zu können. Alles andere ist wohl ein Langzeitprojekt, das vielleicht mit Geduld und eigener Zuwendung von alleine folgt. Erstmal heißt es wohl: auf, auf, home and heart, los geht‘s, lasst uns los stürmen zu neuen Abenteuern, zu neuen genauso sehr wie zu alten Ufern.

Ich überlege nur noch schnell einen Container anzumieten, irgendwo muss ich ja auch meine zwei bis sechs Umzugskisten unterstellen.

Titelbild: (CCO) Gregory Bourolias/Stocksnap.io

Rebecca Stehmann
Rebecca liebt es in ihrem VW-Käfer unterwegs zu sein und – inspiriert durch ihr Studium der Kulturwissenschaften – ihren Gedanken über ein nachhaltiges Leben im Großen, wie im Kleinen freien Lauf zu lassen.

Sharing is caring!

shares