Die Poly-Kolumne Teil 2 – Wir sind so furchtbar leicht zu haben

Polyamore lieben mehr als einen Partner. Oder besser gesagt, sie behalten sich vor, mehr als einen Partner lieben zu können. Das führt hier und da zu seltsamen Begegnungen, für die weder der Knigge noch die lieben Eltern einen vernünftigen Rat anbieten können. In unserer Polykolumne berichten daher drei Polyamore anonym über ihre Erfahrungen und das Leben und Lieben mit mehr als zwei Beteiligten.

Wir sind so furchtbar leicht zu haben

„Dann ist heute wohl mein Turn zu fragen, ob noch Interesse an ein wenig Unfug treiben besteht?“

„Wir sind so furchtbar leicht zu haben …“

„Ich weiß“

„Ich zu dir?“

„Oh ja …“

„2 Minuten“

Darauf hatte ich gehofft, seit ich vor ein paar Tagen das erste Mal nach einer Party heftig mit ihm geknutscht habe. Ich bin bereits komplett zurecht gemacht, trage Spitzenunterwäsche und habe meine Haare geflochten. Ich weiß, dass er auf meinen Hintern steht – ich überprüfe noch einmal im Spiegel, ob er in der Spitze auch gut zur Geltung kommt. Perfekt!

Er wohnt nicht weit weg. Es wird nur ein paar Minuten dauern. Die Mitbewohner dürfen nichts merken, aber auch nur, weil es ihm wichtig ist. Mir ist es schnuppe. Ich bin total verknallt. Das wird mir erst jetzt so richtig bewusst, in dem Moment, indem ich meinen eigenen Hintern inspiziere und die Unterwäsche trage, die ich erst vor ein paar Monaten mit meinem Partner in Italien gekauft habe. Ouch. Unter die Vorfreude, die Erregung, die Spannung und das Verknalltsein mischt sich plötzlich auch ein bisschen Herzschmerz. Ich frage mich, wo mein Partner gerade ist, ob er schon schläft. Es ist gerade einmal kurz vor zwölf, vermutlich ist er noch wach.

Ich fühle mich plötzlich schuldig. Auch, wenn zwischen uns alles klar ist und wir von Anfang an polyamor geliebt haben, habe ich jetzt das Gefühl, eine Betrügerin zu sein. Irgendwie würde ich ihn gern anrufen und ihm das sagen. Ihm sagen, dass ich gleich mit einem anderen schlafen werde, wie sehr ich mich darauf gefreut habe und dass ich hoffe, dass er das versteht und sich mit mir freut. Ihm sagen, dass es jetzt trotzdem ganz komisch ist und fragen, ob er mich auch noch lieben kann, wenn ich so viel Freude an einem anderen habe. Wie es für ihn ist, anderen so nahe zu sein. Bin ich dann auch immer mit dabei?

Ich schlucke und schaue meinem Spiegelselbst direkt in die Augen. „Du hast Lust darauf. Ihr habt alles geklärt. Jeder weiß von jedem Bescheid. Es gibt nichts, weswegen du dich schlecht fühlen müsstest“ sage ich zu mir „Er weiß es, er versteht es und du hast Liebe verdient. Immer.“ Der Herzschmerz lässt etwas nach. Ich atme ein paar mal tief durch und schau noch einmal meinen Hintern an. Perfekt! Dann ziehe ich eine durchsichtige Bluse und einen Rock über und mache mich auf den Weg zu der Nacht auf die ich mich so gefreut habe, dem Mann, in den ich mich so frisch verknallt habe und nehme irgendwie auch den Mann mit, den ich so sehr liebe.

Titelbild: (CCO) Gabriel Nunes/Unsplash.com

Octopolly
Octopolly ist ein Kollektivwesen, das mit drei Armpaaren über unterschiedliche Dinge aus dem bunten Spektrum von Poly-Beziehungen schreibt. Mit dem vierten isst es Kuchen.

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