Die Poly-Kolumne Teil 1 – Von Urmutter-Gefühlen und Sisterhood

Polyamore lieben mehr als einen Partner. Oder besser gesagt, sie behalten sich vor, mehr als einen Partner lieben zu können. Das führt hier und da zu seltsamen Begegnungen, für die weder der Knigge noch die lieben Eltern einen vernünftigen Rat anbieten können. In unserer Polykolumne berichten daher drei Polyamore anonym über ihre Erfahrungen und das Leben und Lieben mit mehr als zwei Beteiligten.

 Von Urmutter-Gefühlen und Sisterhood

Es ist gegen zwei Uhr nachts, ich torkele von der Clubtoilette kommend auf eine Gruppe Menschen zu, einer davon mein Ex-Partner. Ein Mädchen aus der Gruppe kommt mit strahlendem, erwartungsvollen Lächeln auf mich zu und fragt: „Und wer bist du?“ Mir ist danach, mit einem Cruella-de-Vil-haften Lachen zu antworten, doch dazu ist das Licht zu schlecht und mein Make-Up zu brav. „Wenn du wüsstest“, denke ich und sage meinen Namen.

In Wirklichkeit habe ich fast mütterliche Gefühle für diese Mädchen – für die, die ihn angraben und noch nicht wissen, worauf sie sich einlassen werden, für die, die wie ich Vergangenheit sind und für die, von denen ich ahne, dass er regelmäßig mit ihnen schläft und die er auf je eigene Weise liebt. Manchmal gehe ich durch solche Parties und fühle mich wie die Urmutter aller seiner Geliebten. Ich bin die Weise, die seine Marotten und Vorlieben kennt, die über viele Dinge nur müde lächeln kann. „Ach ihr“, denke ich, „so frisch und jung und unbedarft.“ Dabei nicke ich wissend mit dem Kopf und fühle mich überlegen.*

Dann trifft mich das schlechte Gewissen. Überlegenheitsgefühle sind nun nicht gerade etwas, das sich mit feministischer Sisterhood und Solidarität vereinbaren lässt. Und habe ich da gerade in meinem Kopf eine Frau ge-slut-shamed, weil sie ihn offensichtlich angegraben hat und dabei mehr Dekolleté gezeigt hat als ich jemals wagen würde?

Dabei habe ich vergessen, dass jede Beziehung einzigartig ist und ich in keiner von ihnen – außer meiner natürlich – was verloren habe, nicht als darüber schwebende Urmutter, ja vielleicht nicht mal als ältere Schwester. Es ist schön, sich verbunden fühlen zu können mit diesen Menschen, die manche Metamours nennen. Kürzlich habe ich eine kennen gelernt, die selbt mit dem erhabenen Gefühl der Queen of the Lovers durch die Stadt geht. Wir müssen herzlich darüber lachen. In mir drin lacht Cruella mit und denkt: „Wenn du wüsstest.“

 

Titelbild: (CCO) Aman Ravi/Unsplash.com

Octopolly
Octopolly ist ein Kollektivwesen, das mit drei Armpaaren über unterschiedliche Dinge aus dem bunten Spektrum von Poly-Beziehungen schreibt. Mit dem vierten isst es Kuchen.

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